Deszendenz & Evolution

Wenn von der Evolutionstheorie Charles Darwins die Rede ist, kommt es häufig zu einer begrifflichen Verwechslung, nämlich der zwischen ,Evolution‘ und ,Deszendenz‘. ,Evolution‘ setzt voraus, dass ein- und dasselbe Objekt einen Entwicklungsprozess durchmacht, was auf das Genom zutrifft.

Die Linie Vater – Sohn – Enkel dagegen ,Evolution’, zu nennen, ist falsch, denn der Sohn ist kein neuer ,Entwicklungszustand’ des Vaters, ein Zustand, der dann in den des Enkels ,überginge’, sondern hier handelt es sich um Abstammung, Deszendenz.

Anders verhält es sich, wenn – etwa in Theologie oder Philosophie – von den Menschen oder ,dem’ Menschen (als kollektiver Singular) die Rede ist und, meist im nörgelnd-scheltenden Duktus der (An-Klage), seine Entwicklung stirnrunzelnd unter das kritische Brennglas genommen wird.

So schreibt etwa Pascal in den Pensées, „Les hommes n’ayant pu guérir la mort, la misère, l’ignorance, ils se sont avisés pour se rendre heureux de n’y point penser.“ „Da die Menschen nicht den Tod, das Elend, die Unwissenheit haben heilen können, sind sie auf den Gedanken verfallen, sich dadurch glücklich zu machen, dass sie gar nicht mehr daran denken.“

Diese Kritik an ,les hommes’ kann man auch eine Kritik an der Entwicklung ,des Menschen’ nennen, und zwar an einer spezifischen Unterform von Entwicklung: der Dekadenz. Das Thema ,Évolution et décadencesoll allerdings Gegenstand dieses Blog-Eintrags nicht sein, es ist mir eine Nummer zu groß.

Im Bereich der Sprachwissenschaft findet sich ein Sujet, das oft zu einer Verwechslung führt, die der eingangs genannten ähnelt. Aber hier ist es genau andersherum: Statt von Evolution ist fälschlich von Deszendenz die Rede.

Es geht um die angebliche ,Abstammung’ der romanischen Sprachen vom Lateinischen. Es gibt sogar ein Buch mit dem anschaulichen Titel „Mutter Latein und ihre Töchter“.

2019, im ersten Jahr ante Coronam, erstand ich in der schönsten Buchhandlung des herbstlichen Bukarest ein Lehrbuch für rumänische Jugendliche, eine hervorragende Darstellung der Geschichte ihrer Heimat.

Darin heisst es: „Fostele provincii romane au rămas despărțite una de alta și, mai ales, au devenit izolate de Roma, vechiul centru al latinității. Astfel, limba latină vorbită pe teritoriul Franței s-a transformat treptat într-un dialect latin (formă diferită de latina veche și apoi  într-o limbă nouă, numită franceză; latina vorbită pământul vechii Dacii, unde ulterior se va forma România, a devenit treptat limba română.“ – „Die früheren römischen Provinzen wurden von einander getrennt und waren schließlich von Rom, dem alten Zentrum der Latinität, isoliert. So veränderte sich die auf dem Territorium Frankreichs gesprochene lateinische Sprache allmählich zu einem lateinischen Dialekt (also zu einer vom älteren Latein verschiedenen Form) und nachher zu einer neuen Sprache, genannt Französisch. Das Latein, das auf dem Boden des alten Dakiens gesprochen wurde, aus dem sich später Rumänien bilden sollte, wurde allmählich zur rumänischen Sprache.“

Die Buchhandlung Cărturești Carusel, die schönste Bukarests (der Welt?), darunter eine Karte des romanischen Sprachraums aus Ioan Aurel Pop, Istoria ilustrată a românilor pentru tineri, Bukarest (Litera) 2018, S. 36. (Das Zitat auf S. 37):

Die Frage, die die schlaueren unter den jugendlichen Lesern stellen könnten, wäre die folgende: Wo genau lag dieser Bruch, also die Ruptur zwischen Latein und Französisch/Rumänisch? Wann fand er statt?

Dass die romanischen Sprachen politisch gesehen die Sprachen ihrer jeweiligen Länder, nicht Roms, sind, tut nichts zur Sache. Sie bleiben die aktuellen ,Entwicklungszustände’, ,Updates’ des Lateinischen, das sich in verschiedene Formen aufgefächert hat.

Von jeder dieser – klar unterscheidbaren, herrlich individuellen – Formen führt eine ununterbrochene Entwicklungslinie zum Lateinischen zurück, der Wurzel ihres Wortschatzes und ihrer jeweiligen Grammatik, die in jeder von ihnen präsent sind und bleiben.

Das Bonmot von José Delgado „latín – lengua muerta imortal“ trifft es also auch nicht richtig.

Jede der ,Töcher’, von denen im Buchtitel die Rede ist, ist eine andere Erscheinungsform der signora, señora, doamnă Latein selbst. Durch innere Veränderungsprozesse und Ausseneinflüsse stets jugendlich, immer neu ,aktualisiert’.