Schiffbruch mit Synesios – Neuer Fachaufsatz

Auf der Internetseite The Carolingian – European Forum of Cultural Debate ist ein neuer Aufsatz von mir erschienen. Er trägt den Titel

„Schiffbruch eines Neo-Platonikers – der fünfte Brief des Synesios von Kyrene: Dokument und Sprachkunstwerk“. Hier die vorangestellte summary:

We owe the Neo-Platonist philosopher Synesius of Cyrene (ca. 370-413) a detailed account of a shipwreck he experienced while travelling home from Alexandria. It would be wrong to dismiss his elaborate description as an exercice littéraire. It creates a realistic picture of Synesius’s hardships and presents us with a fascinating insight into the philosopher’s mind.

Tribut an Sprache und Literatur Rumäniens

Im neuen, hochinformativen Heft von FORVM CLASSICVM (2/2021), der Zeitschrift für die Fächer Latein und Griechisch an Schulen und Universitäten, ist ein Aufsatz von mir erschienen, „Ovid, Vater Rumäniens“.

Das Heft enthält, wie immer, eine Fülle von hilfreichen Rezensionen; von den Aufsätzen habe ich mit besonderem Interesse den über Homer gelesen, Franz Lederers „Untersuchungen zur Stellung von Musik, den Vokalgattungen und Instrumenten in den Epen Homers“. Sein Aufsatz liefert für den Bereich der Musik zahlreiche Präzisierungen für unser Detailverständnis der Homerischen Epen.

Über meinen eigenen Beitrag schreibt der Herausgeber, Herr Professor Markus Schauer, im Editorial  „Zum Schluss widmet sich Christoph Wurm einem rezeptionsgeschichtlichen Thema: In seinem Beitrag beschreibt er die besondere Beziehung Rumäniens zu Ovid, insbesondere in Bezug auf Ovids Stellung als Begründer der rumänischen Nationalliteratur“.

Der Beitrag, Tribut an Literatur und – herrliche – Sprache eines großen europäischen Landes, zugleich Reflex der Bedeutung des Verbannten von Tomi, des großen Ovidiu, für ganz Europa,  ist ab sofort hier in meinem Portfolio gratis downloadbar.

Neudruck von Tener la palabra

Tener la palabra, das erfolgreichste deutschsprachige Spanisch-Buch zur Textarbeit, ist auch in diesem Jahr wieder in einem Neudruck erschienen, ich danke dem KLETT-Verlag.

Als ich Ende der neunziger Jahre die Ur-Version veröffentlichte, hätte ich mir nie träumen lassen, dass Zehntausende von Exemplaren verkauft werden würden und dass so viele Menschen so gerne mit dem Buch arbeiten, wie mir zahlreiche Leserzuschriften zeigen.

Auch nicht, dass das Buch ein blueprint für ähnliche Klett-Publikationen in weiteren Fremdsprachen (und für Deutsch als Fremdsprache) sein würde. Ich danke meinen Leserinnen und Lesern und wünsche viel Freude und Erfolg beim Lernen dieser großartigen Fremdsprache.

,Jetzt‘ – Annalena Baerbock

Als ich mir vor ein paar Tagen Annalena Baerbocks Buch Jetzt bei Amazon bestellte, waren mir zwei Dinge gleichgültig: die Debatte um die nicht gekennzeichneten Zitate genauso wie die schrille grüne Gegenwehr.

Nie Freund oder Wähler der Grünen, habe ich das Buch gelesen, um genauer zu erkunden, woran ich bei den Grünen 2021 bin, was bei einer Regierungsbeteiligung zu erwarten ist.

Vor allem interessierte mich, was Baerbock in diesem – für den Wahlkampf ihrer Partei tonangebenden – Buch zu kritischen Einwänden gegen aktuelle grüne Politik, etwa im Bereich der Energieversorgung oder der Einwanderung, zu sagen hat. 

Vier Kapitel sind es, die den Hauptteil des Buches ausmachen:  ,Der Mensch im Mittelpunkt‘ – ,Verändern, um es besser zu machen‘, – ,Erneuerung braucht Halt‘, – ,Europäisch handeln‘; es folgt ein Ausblick, der den Titel ,Kein Schlusswort‘ trägt.

Baerbock stellt diese Themenfelder vor dem Hintergrund in den Text eingeflochtener eigener Alltags- und Lebenserfahrungen dar (sie ist Jahrgang 1980, stammt also, wie sie betont, aus dem Gründungsjahr ihrer Partei).

Wie zu erwarten, enthält das Buch keine Überraschungen, was die grünen Positionen betrifft: klimafreundliche Politik, CO2-Ausstoß reduzieren, Willkommenskultur, Stärkung der Europäischen Union, Kooperation mit den USA.

Bemerkenswert aber ist die Art und Weise, wie Baerbock mit Kritikpunkten an diesen Säulen des grünen Programms umgeht. Sie tut es auf die denkbar schlichteste Art: nämlich gar nicht. Irgendeine differenzierte Auseinandersetzung fehlt.

Beispiel: Wie steht es 2021 um die Kernkraft, die gerade wegen des Klimawandels in unseren europäischen Nachbarländern und weltweit immer stärker Verwendung findet – nur in Deutschland nicht?

Mit ein paar Hinweisen auf den angeblich heroischen Kampf der Grünen gegen die Kernkraft in der Vergangenheit ist es getan: kein Hinweis darauf, dass wir inzwischen auf Kernkraft aus dem Ausland angewiesen sind, kein Wort über die neuesten Entwicklungen im Bereich der Reaktoren, die die Kernkraft weltweit noch attraktiver und sicherer machen.

Auch darauf nicht, dass deren Nutzung in vielen europäischen Ländern unumstritten war und geblieben ist, zum Beispiel in Frankreich oder in Großbritannien. Die vom deutschen Ausstieg erhoffte und damals von den Grünen propagierte Signalwirkung ist völlig ausgeblieben. Wohl aber haben wir die höchsten Strompreise der Welt.

Vergleichbares beim Thema Immigration. Dass mit Masseneinwanderung irgendwelche Probleme der inneren Sicherheit verbunden sein könnten, davon hat Baerbock noch nie etwas gehört. Es fehlt daher auch ein erkennbares Konzept zur Abschiebung abgelehnter Asylbewerber.  

Baerbocks Botschaft ist simpel: Möglichst viele – von der EU auf alle Mitgliedsländer verteilte – Migranten hereinlassen, möglichst viel (vom Steuerzahler zu bezahlende) Integration in eine immer ,buntere‘ Gesellschaft. Für unerwünschte Nebeneffekte gilt: Schwamm drüber.

Dasselbe mangelnde Problembewusstsein gilt für den Dirigismus der EU. Wenn es nach ihr geht, werden die Einflussmöglichkeiten Brüssels noch gestärkt werden.

Das ganze Buch folgt diesem dogmatischen Strickmuster: Wir Grünen haben die Moral auf unserer Seite, grüne Positionen sind beschlossene Sache, die Partei wird bei den kommenden Bundestagswahl an die Macht kommen, deshalb lohnen sich konkrete Sachdiskussionen gar nicht mehr.

Denjenigen unter den Lesern, die unüberzeugt bleiben, wird signalisiert: Wir kommen, stell‘ dich auf uns ein (oder tu zumindest verbal so), und damit basta. Von Dialog- oder Diskussionsbereitschaft, von der vielgerühmten ,Debattenkultur‘ keine Spur.

Deshalb ist es kein Zufall, dass das Buch im Anhang kein Stichwortverzeichnis zu einzelnen Sachthemen enthält, das es ermöglichen würde, längsschnittartig das Buch zu durchkämmen und alle Aussagen zu einem bestimmten Punkt vergleichend zu sichten: Die Ausbeute wäre zu mager. 

Bezeichnend ist Baerbocks Darstellung des ,Kampfes gegen Rechts‘. Eine diabolische Macht, ,die Rechte‘, ist es, die überall im Hintergrund lauert und versucht, bei Themen wie Klimawandel oder Corona-Politik Unfrieden zu stiften (vgl. S.121) – so als ob diese Themen an sich keinen Anlass für kontroverse Meinungen bieten würden. Dasselbe Muster findet sich bei ihren Ausführungen zu den USA: „Es lässt sich nicht schönreden, dass rund 74,2 Millionen US Bürger*innen für Trump gestimmt haben“ (S. 202). Damit hat sich‘s: irgendein Versuch, die Ursachen zu analysieren, fehlt. Die Wahlkämpfe H. Clinton – D. Trump und J. Biden – D. Trump waren jeweils ein Kampf zwischen Gut und Böse.

Als Baerbock auf die Polizei zu sprechen kommt (S.166), geht es natürlich sofort um den Schutz vor Rechts-Extremismus. Kein Wort über die unappetitlichen Beziehungen zwischen ihrer eigenen Partei und der stets gewaltbereiten Antifa oder über die Gefahren des Islamismus. Auch die Sicherheits-Probleme des von den Grünen mitregierten ,Reichshauptslums‘ (A. Wendt) Berlin: nicht vorhanden. Rigaer Strasse, Görlitzer Park, Breitscheidplatz, auch die Kölner Silvesternacht: Fehlanzeige.

Ein weiteres Grund-Dogma der Grünen ist die Überzeugung, dass möglichst viel Staat vonnöten ist. Wer etwa Befürchtungen vor künftigen Klima-Lockdowns hegt, dem kann nach der Lektüre dieses Buches keineswegs Entwarnung gegeben werden. Eigenverantwortung und schlanker Staat sind für Baerbock Ideen von gestern. Apodiktisch heisst es:

„Wo der Staat sich zurückzieht oder zurückgedrängt wird, wächst Ungleichheit und vertiefen sich Risse“ (S. 135). Was meint sie mit ,Ungleicheit‘?

Das Buch ist auf seine Art ein page-turner: Nicht etwa, weil es mit Verve oder Esprit geschrieben wäre – im Gegenteil –, sondern weil es die aus dem Fernsehen bekannten Formeln und gestanzten Phrasen so aneinanderreiht, dass der Inhalt ganzer Abschnitte schon nach der ersten Zeile prognostizierbar ist.

Zum Teil bedient Baerbock sich einer schlampig-kolloquialen Diktion, zum Teil stolpert sie durch hölzerne Schachtelsätze. Dass der Text nicht den Hauch von Humor, Ironie oder gar Selbstironie enthält, braucht bei einer Politikerin der Grünen nicht eigens hervorgehoben zu werden (dafür gibt es aber jede Menge Gender-Sternchen).

Wer Jürgen Trittin und Christian Ströbele mag, wer das Antlitz der Claudia Roth oder das der Renate Künast sympathisch findet, der wird auch dieses Buch als Bereicherung empfinden; wir anderen nicht. 

Soeben erschienen: Neudruck von Pronti per scrivere!

Als Mit-Verfasser, besonders jedoch als alten Freund Italiens, seiner Sprache und Literatur, freut er mich sehr, dieser Neudruck (Mai 2021) unseres Buches ,Pronti per scrivere‘ durch den Klett-Verlag, Stuttgart.

Was Valentina Vincis und ich uns nicht ausmalten: Unser ,Wortschatz zur Textarbeit‘ ist, seit seinem Erscheinen wiederholt nachgedruckt, zum erfolgreichsten Italienischbuch im Bereich der Textanalyse und Textproduktion aufgestiegen.

Wir machen mit diesem systematischen,  feinteilig gegliederten Handbuch – garantiert ohne: Farbfotos von Pizza, Fiat, Gondeln und Risotto – ein anderes Angebot als jene unzähligen  Bücher der Gussform ,Parlare italiano‘.

,Pronti per scrivere‘ ist verlässlicher Helfer und Ratgeber bei der Analyse von Texten und beim adäquaten schriftlichen Ausdruck einer großen Skala eigener Intentionen. In Schule und Universität, vor allem aber: im realen Leben!

 

No Guru, No Method, No Teacher

„No Guru, No Method, No Teacher“ – das stammt nicht von mir, sondern so heißt ein Album des Rock-Sängers Van Morisson. Ich muss gestehen, dass sein Œuvre mich nicht sonderlich interessiert – genauso wenig wie das seines Namensvetters, des Doors-Sängers Jim Morisson. Von dem Album habe ich noch nie einen Ton gehört.

Aber ich hatte den einprägsamen Slogan irgendwann irgendwo gelesen, und soeben habe ich in Google die Quelle recherchiert. Warum nun diese Überschrift meines Blog-Beitrags? Der Grund: Seit letztem Jahr erhalte ich wiederholt Zuschriften von Leserinnen meines Blogs (ja, nur Damen haben mir in dieser Sache geschrieben, ich merke das an, damit mein Sprachgebrauch nicht als politisch ,korrekt‘ missverstanden wird), die mich nach meinen Erfahrungen mit Homeschooling und Distanzunterricht fragen. Das Problem ist: Ich bin kein Lehrer, möchte auch keiner sein, habe also nichts zu bieten, was ich konstruktiv beitragen könnte.

Das gilt auch für andere schulische Fragen, etwa die, ob die Sprößlingin/der Sprößling Latein oder lieber Französisch wählen soll. Auch dazu kann ich aus der Distanz nichts sagen. Sorry: No guru.

Ich war zwar einige Zeit Gymnasiallehrer, bevor ich ausstieg und Schriftsteller wurde; aber seitdem habe ich keine Schule mehr von innen gesehen, auch nicht die, an der ich tätig war.

In einer Zuschrift wurde ich gefragt, ob ich nicht mal Schulerlebnisse in meinem Blog thematisieren wollte. Nein, will ich nicht. Wenn ich mich schon selbst dazu durchringen müsste – wie könnte ich dann von den Lesern meines Blogs Interesse an derlei ranzigen Reminiszenzen erwarten?

Fazit: No guru? No method? – No teacher!

California Dusk

Summer Dusk: Studio Sessions is the new, fourth album by FivePlay Jazz, a quintet from the San Francisco Bay Area, offering nine originals written by guitarist Tony Corman and pianist Laura Klein. The album features soulful San Franciscan singer Clairdee on the title ballad, a flute choir and, on three tracks, a four-voice vocal ensemble.

The playing is impeccable throughout: mature, delicate and eminently listenable, sometimes fragile, sometimes lively and slightly bizarre, as on Springhill Road, one of my favourite tracks. I’ve no idea where on this planet Springhill Road is, but on this one the band sounds as if it was a sun-lit street in central Rio de Janeiro…

Each of the players is top-notch. Rarely have I come across an album whose title is so brilliantly chosen, it accurately encapsulates the mood of the whole album in just two words.

And the opening track, the aptly named Bright Golden Sunshine, is beautifully enriched by the vocal ensemble composed by top London studio singers. It’s just the right dose of California sun, a perfect antidote for those cold and dreary February afternoons over here in Germany.

Saxophonist/reed player Dave Tidball is a gem, his playing often has a melancholy and dreamy quality to it that is difficult to match. Laura is a superb jazz pianist (just check out the title track, the cha-cha Lost and Found or her half-crazy solo on Springhill Road), and Tony Corman is one of the most subtly elegant guitarists I have come across in a long time. The rhythm section, Paul Smith and Phil Hawkins/Jason Lewis, is excellent, never intrusive.

This album is quite definitely on my list of Discs of the Year 2021. Should be on YOURS as well.

There’s a video preview available: youtube.com/watch?v=TLOQTH1ANMO

Summer dusk: Studio Sessions. Self-produced. 2020. 

¡El primer gran disco del 2021!

Acabo de recibir desde Nueva York el nuevo disco de Nelson Riveros, guitarrista de jazz neoyorquino. El título del disco, The Latin Side of Wes Montgomery, lo expresa muy bien: es un homenaje al gran Wes Montgomery desde un punto de vista inconfundiblemente latino.

Es una apasionada celebración de la obra del maestro, con canciones clásicas como Four On Six, Tear It down, o Jingles, y con dos composiciones originales de Nelson, Nelson’s Groove y Facing Wes.

Cada uno de los nueve títulos del álbum tiene un picante sabor  latino, gracias a la gran sección de ritmo: Andy McKee, bajo, Mark Walker, batería y Jonathan Gómez, percusión, creadores de una vasta gama de ritmos contagiosos.

Nelson es un guitarrista con un estilo sútil y elegante – ¡y con mucho swing! –, poseedor de una personalidad artística muy destacada. No trata de copiar la música de Wes, sino que la adapta a su propio estilo, en colaboración con Hector Martignon, virtuoso pianista colombiano.

Como el primer álbum del artista, Camino al barrio (2010), The Latin Side of Wes Montgomery fusiona a la perfección el jazz con ritmos latinos.

 

Hector Riveros

The Latin Side of Wes Montgomery. Zoho Records. ZM202103.

Camino al Barrio. Nel Songo Music. NSM-1000.

Mit der FDJ auf nach Griechenland!

Im Frühjahr 2019, während des ersten Lockdowns, lösten Prominente in England eine Reihe von ,Aufschreien‘ aus, weil sie sich vor ihren Bücherwänden hatten fotografieren lassen und geschulte politisch-korrekte Späher irgendwelche politisch inkorrekten Bücher auf den Regalen entdeckten.

Ich bekenne mich dazu, ebenfalls eine Reihe solcher Bücher zu besitzen, vor allem aus der Zeit der Deutschen Demokratischen Republik. Es ist eine bekannte Tatsache, dass in der DDR, vor allem beim VEB Leipzig, brauchbare Lehrwerke erschienen, man denke etwa an das Sachwörterbuch für die deutsche Sprache.

Die besten Rumänisch-Bücher, die es in Deutschland je gab, stammen ebenfalls von damals und dort, zum Beispiel das Taschenwörterbuch-Paar Rumänisch-Deutsch, Deutsch-Rumänisch von Maria Schönfelder.

Nach Konzept und Zuverlässigkeit ist es dem heutigen Langenscheidt-Taschenwörterbuch (mit seinen rekordverdächtigen Druckfehlern und Lücken) meilenweit überlegen.

Als ich mich dazu entschied, mich mit dem Neugriechischen zu beschäftigen, fiel meine Wahl daher auf das Neugriechische Lehrbuch (VEB Verlag Enzyklopädie Leipzig 1981), eine Adaption eines russischen Lehrwerks von M. L. Rytova, erarbeitet von einem Kollektiv unter dem auch nach der Wende aktiven Prof. Jürgen Werner.

Das Buch enttäuschte mich nicht: straffes Konzept, akkurat aufgeschlüsselte Grammatik, (recht altmodische) Übungen, am Ende Übersichtstabellen zur Formenlehre und Wortverzeichnisse Deutsch-Neugriechisch Neugriechisch-Deutsch.

Das einbändige Lehrwerk mit seinen 20 Lektionen auf 260 Textseiten enthält einen Lernwortschatz von ca. 3000 Vokabeln. Ein Lernpensum, das bei heutigen Schülern und Studenten zu einem Aufschrei führen würde, und zwar zu einem, der den der englischen Bücher-Haie um einiges übertönen dürfte.

Was bei den Rumänisch-Büchern eher im Hintergrund bleibt, hier ist es mit breitester Borste aufgetragen: die sozialistische Propaganda. Der Grund liegt wahrscheinlich darin, dass man im Ceaușescu-Rumänien keine Werbung für den Sozialismus mehr zu machen brauchte. Die ,Werktätigen‘ in den Wohnblocks von Bukarest ,erfreuten‘ sich ja ähnlicher Privilegien wie ihre Brüder und Schwestern in der DDR. Man konnte sich auf Alltags-Dialoge und Texte über die Schönheiten Rumäniens beschränken.

Im Dialog mit den Bewohnern des westlich orientierten Griechenlands jedoch, eines NATO-Mitglieds seit 1952, galt es, diese Segnungen des Arbeiter- und Bauernstaats gebührend herauszustreichen.

Von Individualbesuchen von DDR-Bürgern in Griechenland oder von Griechen in Deutschland war natürlich keine Rede, sondern die Kontakte spielten sich zwischen Delegationen ab. Als Mitglied etwa einer FDJ-Delegation galt es, sowohl weltanschaulich bolzenfest als auch sprachlich gerüstet zu sein, stets bereit zu politischem Dialog und sozialistischer Aufklärungsarbeit.

Das merkwürdige Ergebnis: Griechenland kommt in dem Lehrbuch kaum vor! Einige Texte behandeln die antike Mythologie, etwa Dädalus und Ikarus. Ansonsten stehen Themen wie die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften der DDR, Historisches über Leningrad oder Reklametexte für „Berlin, Hauptstadt der DDR“ im Vordergrund.

Nicht die lichten Gestade der Ägäis, die grauen Plattenbauten von Berlin-Marzahn sind es, die sich da vor unserem geistigen Auge erheben.

Und: Dass das Buch humorfrei ist, und zwar unbedingt, sozialistisch-konsequent, braucht nicht eigens betont zu werden. Wer hier das Lächeln der Aphrodite erwartet, den erwarten – die Mundwinkel der Angela Merkel.

Die Wörter ,Scherz‘, ,scherzen‘, ,Witz‘, ja sogar das Verb ,lächeln‘ fehlen unter den 3000 Vokabeln – sie waren ja überflüssig.

Für den, der es zu benutzen versteht, also die Spreu vom Weizen zu sondern weiß, jedenfalls ein empfehlenswertes Lehrwerk auf hohem Niveau.

Vor die Füße

Woher stammt eigentlich die Metapher ,jemandem einen Vorwurf machen‘ für ,jemanden anklagen‘?

„Dieser Ausdruck hört sich eigentlich gar nicht nach einer mittelalterlichen Redewendung an, gar nicht so, als ob er seine Wurzeln weit in der Vergangenheit hätte. Aber wenn man darauf achtet, dass im Substantiv ,Vorwurf‘ das Verb ,werfen‘ enthalten ist, fragt man sich, wer hier wem etwas vorwirft. Damit sind wir wieder bei den mittelalterlichen Rechtsbräuchen, in diesem Fall aus der Constitutio Criminalis Carolina von Karl V., dem ersten einheitlichen deutschen Strafgesetzbuch von 1532. Es war nämlich zum Abschluss eines Verfahrens, das mit dem Todesurteil endete, üblich, dass der Richter über dem Verurteilten seinen Gerichtsstab zerbrach, was ausdrücken sollte, dass keine Berufung mehr möglich war. Die Redewendung Über jemanden den Stab brechen mit der Bedeutung ,jemanden verurteilen‘ kommt daher. Dann machte der Richter den besagten Vorwurf: Den zerbrochenen Stab warf er nämlich dem Verurteilten vor die Füße mit den Worten: ,Nun helf‘ dir Gott, ich kann dir nicht mehr helfen!'“ (1)

Zu ,Stab‘ finden wir im Handwörterbuch der deutschen Sprache eine Begriffserklärung und -abgrenzung, die das Obengesagte noch ergänzt:

„Stock (verwandt mit Stück) bezeichnet einen zum Führen in der Hand bestimmten Abschnitt eines dickeren Holzstämmchens schlechthin; es ist der einfache Ausdruck dafür. Stab ist ein edlerer Ausdruck, der einen Stock nach seiner Form und Bestimmung bezeichnet, z.B. der Krummstab, Hirtenstab, Pilgerstab, Zauberstab, Wanderstab, Bettelstab, Marschallstab usw. Dagegen hat der Stock keine zu einer ähnlichen Bestimmung besonders erwählte Form.“ (2)

Womit geklärt wäre, warum nie ein Stock über jemanden gebrochen wird …

(1) Gerhard Wagner, Das geht auf keine Kuhhaut. Redewendungen aus dem Mittelalter, Darmstadt (WBG) 2011, S. 48.

(2) Johann August Eberhard, Synonymisches Handwörterbuch der deutschen Sprache, überarb. von Otto Lyon, 17. Auflage 1910.