Weiterer Neudruck von ,Tener la palabra – Besser Spanisch sprechen‘.

Eines der erfolgreichsten deutschen Spanischbücher ist erneut nachgedruckt worden. ,Tener la palabra‘ ist unverzichtbar für die mündliche Kommunikation in einer Vielzahl von Situationen, z.B. Bewerbungsgespräch, Diskussion oder Vortrag.

Leere in Elfenbein

Ein Leser meines Blogs wies mich freundlicherweise hin auf ein mir bis dahin unbekanntes Werk, das „Handbuch der Hochstapelei in der Literaturwissenschaft“ (IGEL Verlag 2009) des emeritierten Anglistik-Professors Rolf Breuer. Ein höchst humorvoller und bereichernder Einblick in die Literaturwissenschaft der letzten Jahre.

Breuer, etwa als Experte für die englische Romantik bekannt, liefert in seinem Buch einen alphabetischen Überblick über die Techniken, mit denen man im universitären Bereich Inhaltsarmes aufwertet, um als Fachwissenschaftler dazustehen. 

In erster Linie also auf ein möglichst ,komplex’ wirkendes Riesengeschwurbel, das alles Offensichtliche ,manifest’ macht, alles Wichtige ,relevant’, alles Umstrittene ,kontrovers’. Aus jedem Gespräch wird ein ,Diskurs’, und aus literarischen Gattungen werden ,Invarianzbildungsschemata’ (S.27).

Damit verbunden ist ein weiteres Ärgernis: die Auflösung des Textsinnes. Es gebe keinen objektiven Textinhalt – so die von Breuer kritisierten Geisteswissenschaftler, allen voran der legendäre Jacques Derrida – sondern nur einzelne Lesarten. Den Sinn eines Textes schaffe daher der Leser, nicht der Autor

Die Texte in ihrer individuellen Verfasstheit (also der Gegenstand der Philologie) sind daher nicht mehr so wichtig. Breuer nennt etwa einen Experten für ,Empirische Literaturwissenschaft’, der in seinem gedehnten Schrifttum an keiner Stelle Schriftsteller oder literarische Werke erwähne (S. 17).

S. J. Schmidt ist der Name des selbsternannten Experten, seine Wirkungsstätte die Universität Siegen. Für die allermeisten ,Denker’, die Breuer erwähnt, gilt: Außerhalb der Elfenbeintürme, in denen sie hocken, kennt sie kein Mensch. 

Genauso wenig wie diese edlen Pflanzstätten selber, von Siegen/Westf. bis Frankfurt an der Oder. Breuer (S. 66f.): „Studenten aller Länder, auf nach Frankfurt! Oder?“ (Dass diese Studenten, wie Breuer weiss, keine drei Bücher mehr aus eigener Lektüre kennen, versteht sich von alleine.)

Die ,literaturwissenschaftliche‘ Sichtweise ist wiederum Teil eines noch umfassenderen Anything goes, denn die Literaturwissenschaftler sehen sich ja als Teil der allgemeinen Kulturwissenschaft. Eigentlich sei alles ,soziales Konstrukt’, auch das Geschlecht, wie uns die gender studies weismachen wollen. Seit Breuers Buch 2009 erschien, mischen sich die Genderkundler, wie wir ja alle wissen, immer spürbarer in alle Lebensbereiche ein.

Bei maximaler ,Offenheit’ in alle Deutungsrichtungen und überbordender Begeisterung für Buntheit & Vielfalt sind die Literaturwissenschaftler, die ,Amateurphilosophen’ (S. 17), wie Breuer sie sarkastisch nennt, natürlich strengstens ,politisch korrekt’ (S. 60f.). In den zehn Jahren seit dem Erscheinen des Buchs hat sich diese ,Korrektheit’ immer weiter radikalisiert. Wehe dem, der Falsches meint, denn so ist das mit dem Deutungspluralismus auch wieder nicht gemeint.

Von der Annahme gesicherter biologischer Fakten, wie etwa des Einflusses der Hormone auf unser Verhalten, lässt sich die Gender-Laune nicht den Spaß verderben. Dieses Akzeptieren würde ja voraussetzen, pardon, präsupponieren, dass es so etwas wie Realität gibt, während der Poststrukturalismus uns lehrt, alles sei bloß ,Zuschreibung‘. 

„Man entzieht sich  – und das nicht heimlich, sondern offensiv – den harten Wissenschaftskriterien der Naturwissenschaften“ (S. 28), alle „Wirklichkeitsbereiche gelten als konstruiert und müssen daher dekonstruiert werden“ (S. 15, Artikel Dekonstruktion). Breuer zitiert (S. 51) aus der Vorstellung eines Buches eines R. W. Müller-Farguell (wer immer das auch sein mag):

„Die hier vorgebrachten Lektüren situieren sich im methodischen Moment, wo hermeneutisches Verstehen notwendig in Dekonstruktion umschlagen muss.“

Breuer: „Literatur- und Kulturwissenschaften mögen nicht den unmittelbaren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen der Physik oder Biologie haben. Dafür kennen sie aber auch nicht das Phänomen von Lug und Betrug, womit die Naturwissenschaften immer wieder einmal ins Gerede kommen. Nach den führenden französischen und amerikanischen Theoretikern der Literatur- und Kulturwissenschaften gibt es nämlich keine Wahrheit, keine Objektivität und keine Fakten.“ (S. 6) 

Es gilt hinzuzufügen: wohl aber Professuren, Beamtengehälter, Beihilfe- und Pensionsansprüche.

Faust aufs Auge


Nach ein paar Stunden Lateinunterricht kennt jeder die beiden Vokabeln ,pugnare’ – ,kämpfen’ ,pugna’ – ,Kampf’, nicht jedem aber dürfte klar sein, dass diese unscheinbaren Wörter mitten in ein Kapitel europäischer Sprachgeschichte hineinführen.

,Pugnare’ stammt von ,pugnus’ (-i mask.), ,die Faust’, heißt also ursprünglich ,boxen’.

Wer ,pugnis ac calcibus’ kämpfte – im Italienischen ,con pugni e calci’ – stritt ,mit Fäusten und Hacken’: ein Kickboxer. 

Von den spartanischen Jungs heißt es bei Cicero (Tusc. 5, 77), sie wehrten sich „pugnis, calcibus, unguibus, morsu denique“, „mit Fäusten, Fersen, Nägeln, ja mit Beißen“. Ein lebendiges Bild dessen, was man auf Englisch mit dem Adjektiv ,pugnacious’ benennt. 

Cicero kann man auch entnehmen, dass die Römer sich nicht ins Fäustchen gelacht haben. Klammheimliche Freude lebten sie stattdessen im Bausche ihres Gewandes aus, ,in sinu gaudere’ lautet die lateinische Redewendung (vgl. etwa Tusc. 3, 51).

Auch war den Römern fremd, von etwas zu sprechen, was wie die Faust aufs Auge passt. ,Velut pugnus oculo convenire’ – das kann man zwar zusammenreimen, aber echtes Latein ist es nicht.

Zu ,pugnare’ gehört ein weiteres Wortpaar aus dem lateinischen Schulwortschatz: die Komposita ,expugnare’ – ,erobern’ und ,expugnatio’ – ,Eroberung’. ,Einbruchsichere Türen’ – das sind auf Spanisch ,puertas inexpugnables’.

Die ursprüngliche Bedeutung ,boxen’ ging auf das Verb ,pugilari’ über, und das Substantiv ,pugil’ (-is mask.) bezeichnet nicht den Kämpfer, sondern den Faustkämpfer. Es lebt noch heute im Italienischen fort. Man denke an den klassischen italienischen Witz: „Sagt der eine: Mein Lebensmotto war immer: Lieber geben als nehmen. Sagt der andere: Ich bewundere Sie, Signore, Sie sind wahrhaft human, ein Altruist. Der erste: No, veramente sono un pugile.“

Der Boxsport ist auf Spanisch ,el boxeo’, der Fußball ,el fútbol’. Die italienischen Entsprechungen dagegen stammen nicht aus dem Englischen: ,il pugilato’ und ,il calcio’. Die Ursache ist historisch. Der Duce war es, der selbsternannte Sprachpfleger Mussolini, der den Anglizismen den Kampf ansagte. 

Verwandt ist ,pugnus’ mit dem Verb ,pungere’ (pungo, pupugi, punctus, -a, -um), ,stechen’. Die beiden gemeinsame Wurzel pug- bezeichnet ,un coup frappé’, einen Hieb, wie F. Martin in seinem etymologischen Standardwerk ,Les mots latins’ mitteilt. Bei ,pugnare‘ ist es – in der Urbedeutung – ein Hieb mit der bloßen Faust, bei ,pungere’ umschließt sie einen Stichel, etwa einen Dolch.

Aus ,punctum’ (=das Gestochene) stammen zahlreiche deutsche Wörter, zum Beispiel der ,Punkt’, das Adjektiv ,pünktlich’ (also ,punktgenau’) oder die ,Akupunktur’ (=,Stechen mit der Nadel’). 

,Der Stichel’, ,die Spitze’ ist in den romanischen Sprachen weiblich (,la punta’ im Italienischen und Spanischen, ,la pointe’ im Französischen), das Ergebnis, nämlich der ausgestanzte Punkt, männlich (,il/el punto’, ,le point’).

Die Metapher des Zeitpunkts haben schon die Römer verwendet. Caesar etwa schreibt bei seiner Schilderung der Belagerung Marseilles an einer Stelle (Bell. Civ. II, 14,4): „Ita multorum mensum labor hostium perfidiā et vi tempestatis puncto temporis periit.“ – „So ging die Arbeit vieler Monate durch die Hinterhältigkeit der Feinde und die Sturmböen im Handumdrehen verloren.“

Der ,springende Punkt’ dagegen, das ,punctum saliens’, als Bezeichnung für den Kern einer Sache, ist eine Übersetzung des griechischen στιγμὴ αἱματική. So bezeichnet Aristoteles das Herz des werdenden Vogels, das als erstes im Ei hin- und her springe.

,Pungere’ hat auch im Englischen zahlreiche Spuren hinterlassen, etwa das Verb ,to punch’ für ,schlagen’ (die ,punch-clock’ etwa ist die ,Stechuhr’). Desweiteren: das Substantiv ,point’, das Verb ,to point (at s.th.)’ und das Adjektiv ,pointed’ (spitz zulaufend, etwa in ,pointed beard’=,Spitzbart). 

Einem anderen Adjektiv, ,pungent’, sieht man seine Verwandtschaft mit dem lateinischen Infinitiv ,pungere’ sofort an. Es bezeichnet einen stechenden Geruch oder einen beißenden Kommentar, ,a pungent remark’. 

Von ,pugnare’ dagegen kommt dagegen das Adjektiv ,repugnant’ für ,abstoßend’, das auch auf Italienisch (ri-), Spanisch und Französisch existiert und dieselbe Bedeutung hat. Das Rumänische verwendet dagegen eine andere Ableitung aus dem Lateinischen, ,respingător‘.

Manchen Französischlerner mag verwundern, dass ein- und dasselbe Substantiv, ,la poignée’, so viele verschieden Bedeutungen hat: ,Griff’, ,Schaft’, ,Handvoll, Schar’, ,Händedruck’, ,Joystick’ – aber alle diese Verwendungen sind zurückzuführen auf eine einzige Grundbedeutung: das, was die Faust, le poign (il pugno, el puño), umschließt. 

Pech hat in Italien der, dessen Faust nichts umschließt außer Fliegen: ,un pugno di mosche‘ haben heißt ,leer ausgehen’.

Von den ,poignées d’amour’ soll hier besser nicht die Rede sein …

Zitate der Woche

(1) Die Weisheit Draculas

Zitat von Bela Lugoși (1882 – 1956, geboren in Lugoj, Rumänien). Er spielte als erster in Hollywood einen rumänischen Landsmann: Graf Dracula.

În crearea teoriilor, păstrează întotdeauna o fereastră deschisă, pentru a putea arunca una dacă este necesar.

Beim Aufstellen von Theorien halte stets ein Fenster offen, um, wenn nötig, eine rauszuschmeißen.

(2) So könnte die nächste Merkelrede beginnen:

Zitat aus Jean-Jacques Rousseau, ,Discours sur l‘origine et les fondements de l‘inégalité parmi les hommes‘:

Commençons donc par écarter tous les faits, car ils ne touchent point à la question.

Erneut und nochmal

Dass man die eigene Sprache am genauesten kennenlernt, wenn man sich mit Fremdsprachen beschäftigt, ist eine Binsenweisheit. Erst durch den Kontrast wird das scheinbar Selbstverständliche ja zur Besonderheit, konturieren sich reliefartig Charakteristika der Muttersprache und der Fremdsprache. Das Folgende ist, denke ich, ein gutes Beispiel.

Eines der häufigsten lateinischen Präfixe ist RE- [rĕ], vor Vokal RED- [rĕd], für ,zurück’ sowie für ,wieder’, ,erneut’. Es hat sich nicht nur in den romanischen Sprachen erhalten, sondern ist auch ins Deutsche und Englische eingedrungen.

Während man nun im Deutschen und Englischen jedes Verb mit den Adverbien ,wieder’/,again’ kombinieren kann, ist der Gebrauch des Präfixes RE- zur Bezeichnung der Wiederholung auf bestimmte Verben beschränkt. Man kann sagen: ,to rethink something’, aber nicht: *,to resay something’ oder *,to reask something’.

Ein Blick auf das Lateinische, Französische und Spanische zeigt, dass dort RE- viel häufiger ist, dass man aber auch in diesen Sprachen nicht einfach RE- vor jedes beliebige Verb setzen kann, um die Wiederholung zu bezeichnen.

So kann man etwa auf Französisch problemlos ,recommencer’ für ,wieder anfangen’ sagen, im Spanischen dagegen ist ,recomenzar’ (für ,volver a comenzar’) weitaus seltener.

,Revidere’ für ,wiedersehen’, wie in ,Au revoir!’ oder ,Arrivederci!“, ist im Lateinischen unüblich, weder Caesar noch Cicero benutzen das Verb.

Für „wenn er nach Hause zurückkommt“ kann man auf Französisch „quand il revient chez lui “ sagen, für ein spanisches „cuando *reviene a casa“ findet sich dagegen im ganzen Internet kein einziger Beleg, man sagt „cuando vuelve a casa“.

Anders im Italienischen. Im Sinne von ,wieder’ kann man ,RI–’ vor jedes Vollverb setzen:

„Ho rimesso il libro sul tavolo.“       „Ich habe das Buch wieder auf den Tisch gelegt.“

„Giovanni ha rivinto.“                        „Hans hat wieder gewonnen.“

„Questo mi ristupisce ogni volta.“   „Das erstaunt mich jedesmal wieder.“

Das gilt auch für die beiden Verben ,nascere’, ,leben’ und ,morire’ ,sterben’. Überschrift eines Zeitungsartikels aus Rom:

„Rinasce e rimuore in pochi mesi il giardino di via Pirzio Biroli.“ – „Der kleine Park in der Via Pirzio Biroli wird zum Leben erweckt und stirbt dann wieder, beides im Laufe weniger Monate.“

Man kann RI- sogar doppeln (außer vor re-), die sprachliche Repeat-Taste also zweimal drücken:

„Mi sono ririsvegliata alle 11.“         „Ich bin um elf Uhr erneut wiederaufgewacht.“

„Ho ririfatto colazione.“                    „Ich habe zum dritten Mal gefrühstückt.“

„Giovanni ha ririvinto.“                     „Hans hat erneut wieder gewonnen.“

„Mi riricandido e voi mi ririeleggete.“ – „Ich kandidiere zum dritten Mal, und ihr wählt mich zum dritten Mal.

Das passt lautlich natürlich hervorragend zum emphatischen Sprechduktus des Italienischen:

„L’ho letto, l’ho riletto, l’ho ririletto!“ –  „Ich hab’s gelesen, nochmal gelesen, wieder gelesen!“

Wer die Dopplungen für merkwürdig hält, sollte bedenken, dass es auch im Deutschen Parallelen gibt, zum Beispiel ,vorgestern’ und ,vorvorgestern’, ,Vorgänger’ und ,Vorvorgänger’, ,Urgroßvater’, ,Ururgroßvater’, und ,Urururgroßvater’.

Ein ähnliches sprachliches Allheilmittel wie das Präfix RI- gibt es im Deutschen auch, nämlich ,weiter’, das mit jedem Verb, transitiv oder intransitiv, Zustands- oder Handlungsverb, zu einem neuen kombiniert werden kann (indem man es vor den Infinitiv setzt), nicht um die Wiederholung, sondern um die Fortdauer anzuzeigen.

Und auch was RE-/RI- für ,wieder’ betrifft, so verhält sich das Deutsche nicht so anders, wie man meinen könnte. Im Bereich der in den Wissenschaftssprachen gebräuchlichen Verben griechischen und lateinischen Ursprungs nämlich.

Das Deutsche bietet ja große Freiheit der Zusammenfügung unterschiedlicher Elemente zu neuen Wörtern. Nichts spricht prinzipiell dagegen, im akademischen Wortgebrauch neben gebräuchlichen Kombinationen wie ,reanimieren’, ,reformieren’ oder ,refinanzieren’ auch weitere zu benutzen, etwa ,reinstitutionalisieren’, ,reintegrieren’,  ,retransformieren’, ,rediversifizieren’, ,rekanalisieren’, ,revariieren’ ,resynthetisieren‘.

Die Dopplung ist allerdings meist nicht möglich, es würde etwa merkwürdig klingen, zu sagen *,rereformieren’. Und doch: Spräche etwas dagegen, in einem medizinischen Kontext von Re-Reanimationsversuchen zu sprechen?

Selbstgeschaffene RE- oder sogar RE-RE-Kombinationen bieten sich natürlich für alle jene Sumpfgebiete der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften an, wo es Brauch ist, gedanklich Dürftiges durch exzessiven Fremdwortgebrauch aufzuwerten, das Matte wenigstens verbal aufzupolieren.

Vor allem also bei den üblichen Verdächtigen: Sozialwissenschaft, Politikwissenschaft, Pädagogik. Es böte sich dort vielleicht an, schon Erstsemester auf diese Möglichkeit der Wortbildung hinzuweisen, Pardon: auf diese lexikalische Formations-Option.

Hase, du bleibst hier.

Beim Rückblick auf die Formen öffentlichen Diskurses im Jahr 2018, auf verschiedenste Arten von öffentlicher Information, Diskussion, Entertainment fällt mir ein merkwürdiges Spezifikum auf. In diesem Jahr sind wie nie zuvor die Grenzen zwischen den Formaten verschwommen, ja manche Kommunikationsformate verfolgen heute Intentionen, die ihren ursprünglichen Bestimmung zuwiderlaufen.

Man denke an Reportagen als Kommentar, wie bei ARD und ZDF, an Politik per Twitter, wie bei Präsident Trump, an Talkshows als Vorlesungen über Toleranz, an SchlagersängerInnen ,gegen Rechts’. Oder: an staatstragende Auftritte grölender Punker, vom Bundespräsidenten beworben!

Eine der Wurzeln dieses Prozesses ist das, was der Philosoph Rüdiger Safranski neulich treffend als Pädagogik statt Publizistik beschrieben hat. Die Täter selbst haben dafür einen herrlich Orwellschen Begriff geprägt, den des ,constructive journalism’.

,Constructive journalism’ – das heißt im Stil eines Meinungstherapeuten à la Claus Kleber von Dingen berichten, die nicht sind, aber eigentlich sein sollten: gelungene Integration und Domestizierung von Islamisten, Massen von Deutschen pro Masseneinwanderung, erfolgreicher ,Kampf gegen Rechts’, Hetzjagden.

Wenn für die letztgenannten Hetzjagden keinerlei Dokumentation vorliegt, dann muss eben eine kontextlose Sequenz verwackelter Smartphone-Aufnahmen von einer Antifa-Seite herhalten: Hase, du bleibst hier.

Noch wichtiger: Es gilt auch, solche Themen auszuklammern, zur Nichtexistenz zu verdammen, die nichts zu den pädagogischen Zielen beitragen oder diese Lernziele sogar in Frage stellen.

Eine der bemerkenswertesten Meldungen des Jahres war die folgende: Bei einer Podiumsdiskussion am 25. Oktober 2018 äußern Kai Gniffke (ARD) und Peter Frey (ZDF), vom ,Globalen Migrationspakt’ noch nie etwas gehört zu haben! Dass der Pakt dann doch zum Thema einer breiten öffentlichen Diskussion geworden ist, ging auf die sozialen Netzwerke zurück. Es ist nicht gelungen, ,den Deckel draufzuhalten’.

In denselben Zusammenhang des ,constructive journalism’  gehören selbstverständlich solche Statistiken, die die große Zufriedenheit der Deutschen belegen. Der Satiriker Bernd Zeller hat neulich die Waffen gestreckt, auf jede Persiflage verzichtet und die Bekanntgabe eines solchen Umfrageergebnisses als Klartext in seine Zeller Zeitung übernommen  – ich weiß nicht mehr, ob es um ,Merkel ist größte lebende Deutsche’ oder ,Deutsche wünschen mehr Immigration’ ging.

Reflexe dieser Auflösung der Formate oder, frei nach Friedrich Nietzsche, ihrer Umwertung, sind herrliche Wortprägungen wie ,Erziehungsfernsehen’,  ,Krimi gegen Rechts’ (,Tatort’) , ,Gebührenkomiker’ (Böhmermann) oder, noch besser, ,Staatspunker’. So die Bezeichnung für Bands wie die ,Toten Hosen’, die so beherzt, so couragiert die herrschende Politik gegen widerborstige Untertanen verteidigen, dass für diese Staatspunker eigentlich eine eigene Besoldungsgruppe plus Pensionsanspruch eingeführt werden müsste. In Ehren ergraute Pensionspunker könnten dann umherreisen und in Schulen Vorträge halten.

Der klassischen Printpresse, und zwar gerade der ,politisch korrekten’, laufen die Leser davon. So ist es nicht erstaunlich, dass die Frankfurter Rundschau bereits keine Rolle mehr spielt, und die taz die Einstellung ihrer Printausgabe avisiert hat. Solange diese Zeitungen noch existieren, wird ihr Ton nicht nur schriller, sondern immer öfter werden die Samthandschuhe ganz abgelegt.

Ein instruktives Beispiel ist die Süddeutsche Zeitung, jene Publikation, von der das journalistische Urgestein Wolfgang Röhl sagte: „Klar, in der ,Süddeutschen Zeitung’ harren keine Überraschungen auf den Leser.“

,Keine Überraschungen’? Das ist die schlimmste Oxymoronbombe, die man überhaupt auf eine Zeitung abwerfen kann, aber hier trifft sie keinen Falschen.

Denn die ,Berichte’ dieses Organs haben immer die SFP-Struktur der self-fulfilling prophecy: Wo oben in der Schlagzeile AfD, Brexit, Gauland, Israel, Orban, Seehofer, Trump steht, muss Apokalyptisches folgen, oder der weltanschaulich gefestigte Leser kündigt sein Abo.

Im Mai 2018 ging die Zeitung dabei einen Schritt zu weit. Als Mittel im Kampf gegen Israel veröffentlichte sie eine grob antisemitische Karikatur, für die sie Abbitte leisten musste. Der Karikaturist musste als Bauernopfer herhalten, ihm wurde dann gekündigt. Das Wort vom ,Süddeutschen Beobachter’ kam auf.

Im November erschien nun in der Süddeutschen ein Artikel ganz besonderer Art, eine ,Reportage’ über den Wegzug der AfD-Politikerin Alice Weidel aus Biel in der Schweiz.

Gewiss kein Thema, das besondere Aufmerksamkeit verdient: Solange Weidel Politik in Berlin macht, kann es den Lesern der Süddeutschen Zeitung eigentlich egal sein, wo sie privat wohnt, ob in Biel oder am Nordpol.

Von den beiden einzigen Informationen des Artikels, a) Weidel zieht aus Biel fort b) Weidel zieht nach Berlin, stellte sich die zweite alsbald als Fake-News heraus und musste zurückgezogen werden.

Die ,Reporterin’, eine Charlotte Theile, hatte sich in das Städtchen aufgemacht, um zu erfahren, wie es um Weidels Image dort bestellt war.1 Zu ihrem Entsetzen stellte sich heraus, dass diese und ihre Partnerin sich nichts hatten zuschulden kommen lassen. Das lesbische Paar habe Kontakt mit Flüchtlingen gepflegt, die beiden Kinder in die städtische Kita gebracht und sei „an einer guten Nachbarschaft“ interessiert gewesen. Und: Partnerin und Kinder seien ,dunkelhäutig’ [das steht wirklich so da].

Man spürt beim Lesen dieser Zeilen die Enttäuschung der Journalistin: Was um Himmels willen soll ich machen, um aus diesem Befund einen SFP-Bericht zu zimmern? Nun, zunächst einmal dekretieren, dass die Familie dort fehl am Platz war und das jetzt endlich selbst begriffen hat. Sie habe nicht nach Biel gepasst, da die Stadt für Toleranz und Buntheit stehe; ihr Weggang sei daher „eine Kapitulation“.

Im Sommer 2017 sei Weidel bei einem Fest am See mitgeteilt worden, sie sei dort unerwünscht, und sie habe das Fest verlassen; ein Vorgang, an dem die Journalistin alles in Ordnung findet. Das erinnert an die Aufforderung der taz im März dieses Jahres, den Rechten das Leben so schwer zu machen, bis „sie sich nicht mehr trauen, auch nur zum Bäcker zu gehen“. So was hat in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts schon mal in deutschen Zeitungen gestanden.

Zum angeblichen Widerspruch zwischen privatem Lebensstil und politischer Aktivität von Alice Weidel lesen wir:

„,Manchmal habe ich das Gefühl, die wissen selbst nicht, wer sie sind’, sagt ein Kulturschaffender [unklar, wer dieser ,Kulturschaffende’ (!) war; vielleicht ein Staatspunker, vielleicht der Ortsgruppenleiter der Grünen?]. Dann zuckt er die Achseln. ,Das ist nicht mehr unser Problem.’“

Wir haben es also, so will uns die Journalistin suggerieren, bei Weidel und ihrer Partnerin mit psychisch Gestörten zu tun. Auf die Idee, die eigene Optik kritisch zu prüfen und anders zu justieren, ist weder der Kulturschaffende noch die Journalistin verfallen.

Das Fazit darf eine andere Zeugin ziehen. „Eine Frau, die wie Weidel Kinder hat [auch hier völlig unbekannt, wer das war und was sie zur Weidel-Expertin macht; die Leiterin der lokalen Refugees Welcome-Gruppe?], sagt nur: ,Endlich. Eine gute Nachricht für Biel.’“ Und dieser letzte Satz muss dann auch als Titel des ganzen Artikel-Machwerks herhalten, Produkt einer ,Journalistin’, die den Leser offensichtlich für genauso borniert hält wie sie selbst.

Eine Zeitung mit Selbstachtung würde mit der Hetz-Autorin Charlotte Theile so verfahren wie mit dem Urheber der Stürmer-Karikatur im Mai: sie irgendwohin befördern, wo sie ihr Geld ehrlich verdienen müsste, und zwar mit einem ganz gewaltigen Tritt in den Allerwertesten.

 

 

1Alle Zitate aus dem Artikel „Eine gute Nachricht für Biel“ nach der Internet-Version vom 23. 11. 2018

 

Mit Cindy in der Oper

Wer aus der Perspektive des Philologen verfolgt, wie im Deutschland unserer Tage Debatten geführt (oder abgewiegelt!) werden, dem ist es nicht entgangen: Es haben sich einige bedenkliche rhetorische Strategien eingebürgert. Drei repräsentative Beispiele.

Zunächst der Einsatz der Hyperbel, also der rhetorischen Übertreibung, um den politischen Gegner zu treffen. Sie ist eines der vulgärsten rhetorischen Mittel, denn als verbale Gewalt ist sie pöbelnde Vorstufe realer Gewalt.

Dass etwa dem – sich selbst und seinen Anhängern als klug geltenden – CDU-Politiker F. Merz die politische Konkurrenz von rechts, also die AFD, nicht behagt, ist nachvollziehbar. Die Partei jedoch als „offen nationalsozialistisch“ zu bezeichnen, dürfte selbst manchem seiner Parteifreunde zu weit gehen.

In der Bundestagsdebatte zum Migrationspakt setzte ein SPD-Redner noch einen drauf. Da die Debatte am 8. November stattfand, stellte er die Kritik am Pakt in peinlichem Pathos in eine Reihe mit den Pogromverbrechen des 9. November 1938.

Ein weiteres Beispiel ist ein neuer Sprachgebrauch, der in diesen Monaten von den Medien durchgesetzt wird: Alle Arten von echten oder unterstellten Vorurteilen gegen gesellschaftliche Gruppen werden pauschal als ,Rassismus’ bezeichnet, um so mit rhetorischer Maximalkeule auf den politischen Gegner einzudreschen.

In dieselbe Richtung geht auch, dass A. Merkel Kritiker als Lügner brandmarkt, weil sie den verschwurbelt formulierten, in zwei voneinander abweichenden Versionen (Englisch und Deutsch) vorliegenden Migrationspakt anders lesen als sie. Für die Europawahlen 2019 fordert sie Sanktionen gegen Verbreiter von Fake News. The kettle calling the teapot black.

In früheren Zeiten griff manchmal mäßigend der jeweilige Bundespräsident in hitzige Debatten ein; von Steinmeier ist – auch hier – nichts zu erwarten.

Eine zweite Technik ist die der ,Widerlegung durch Assoziation’. Wann immer etwa die beiden Politiker Boris Palmer (Die Grünen) und Sarah Wagenknecht (Die Linke) Meinungen vertreten, die der Orthodoxie ihrer Parteien zuwiderlaufen, wird ihnen um die Ohren gehauen, ihre Ansichten seien ,rechts’, ,populistisch’ oder – der schlimmste Bannfluch –,islamfeindlich’. Über die inhaltliche Qualität ihrer Positionen sagt das nichts – die Assoziation mit den Bösen reicht.

In der Bundestagsdebatte zum Migrationspakt hieß es, man brauche sich nur anzusehen, wer nicht unterzeichne: Trump und Orban. Inzwischen, wo jeden Tag ein anderes Land aus dem Pakt aussteigt, ist dieses ,Argument’ brüchig geworden.

Die dritte Strategie zielt darauf ab, unerwünschte Themen gar nicht erst zu diskutieren, dem demokratischen Diskurs also den Todesstoß zu versetzen. So ist von manchen Politikern immer wieder die bloße Tatsache der Fernsehberichterstattung über die Migration kritisiert worden. Ohne die Berichterstattung wäre da gar kein Problem!

In die Debatte zum Migrationspakt griff für die SPD eine bis dahin unbekannte Claudia Moll ein, nach Auftreten und Diktion eine Cindy aus Marzahn: „Und wissen Sie, was isch gerade tue? Isch schäme misch fremd.“ Und zwar, weil der Pakt überhaupt debattiert wurde.

Der Journalist Alexander Wendt hat auf seinem Blog Publico einen Vorgang aufgedeckt, der exakt in diesen Kontext passt. Am 9. November 2018 veröffentlichten 40 Dresdner ,Kulturinstitutionen’ einen flammenden Aufruf ,gegen Rechts’. Unter den Unterzeichnern befand sich auch die Semperoper, immerhin eine Institution von fünfhundert Angestellten. Das rief Wendts Neugier hervor: Wie war diese Meinungsäußerung eigentlich hausintern ermittelt, demokratisch abgesichert worden?

Ganz einfach, wie sich bald herausstellte: Der Bayazzo-Intendant hatte nach bester DDR-Manier kurzerhand für alle 500 unterschrieben, ohne sie zu fragen. Auf Wendts Nachfrage erklärte der Sprecher der Oper, wer nicht einverstanden sei, könne sich ja nachträglich distanzieren! Um dann wahrscheinlich rausgeschmissen zu werden.

Einer der bekanntesten Slogans der siebziger Jahre war Willy Brandts ,Mehr Demokratie wagen’. Nichts davon ist unter Merkel geblieben. Es ist nicht zufällig, dass immer wieder neue AufrufeListen, Erklärungen gegen Rechts, für Buntheit, für Migration erscheinen. Es handelt sich ja um ein kollektivierendes Format der Meinungsäußerung; der Aufruf vom November nannte sich daher auch ,Dresdner Erklärung der Vielen’. Es ist ein Boot, in das es auch die zu zerren gilt, die sich sträuben.

Und auch dies ist kein Zufall: Die bis vor ein paar Jahren in Politik und Bildungswesen allgegenwärtigen Appelle, junge Leute müssten als kritikfähige Staatsbürger alles skeptisch prüfen, sind verschwunden, und zwar mitsamt dem dazugehörigen Jargon, von hinterfragen bis problematisieren.

Mehr Demokratie wagen? Demokratie wird wieder zum Wagnis.

Mönche auf Indianerpfad

 

Zu den Grundpfeilern der Halbbildung gehört die Vorstellung, die Naturwissenschaftler hätten, als sie seit der Aufklärung, also seit dem 18. Jahrhundert, die Fackel der Vernunft in die Welt hinaustrugen, glorreich den finsteren Widerstand von Kirche und Religion niedergerungen. Sie – so wissen es der gestandene ,Spiegel’-Leser, die ,Stern’-Abonnentin – waren die Sachwalter der Vernunft, „die Kirche“ dagegen Hort dunkler Ignoranz. Nicht Päpsten, nicht Märtyrern noch Heiligen gilt die Bewunderung dieser sich im Bilde Wähnenden – sondern Charles Darwin.

Was von diesem Tableau aus Licht und Schatten zu halten ist, sei an einem Beispiel illustriert. Es gehört sowohl in die Religionsgeschichte als auch in die der Philologie.

Als die Spanier weite Teile Amerikas eroberten, stand vom ersten Augenblick an die Christianisierung der Ureinwohner auf ihrem Programm. Missionare folgten den Eroberern, und sie sahen sich wie diese einem gewaltigen Kommunikationsproblem gegenüber: Wie sollten sie sich mit den Einheimischen verständigen?

Die Antwort, die darauf von der spanischen Krone gegeben wurde, war bemerkenswert: Die Missionare sollten sich, so schwer es auch sein mochte, in die einheimischen Sprachen einarbeiten und die Glaubensinhalte in ihnen vermitteln. Keinesfalls sollte der Gebrauch des Spanischen durchgesetzt werden.

Philipp II. dekretierte: „No parece conveniente forzarlos a abandonar su lengua natural: solo habrá que disponer de unos maestros para los que quisieran aprender, voluntariamente, nuestro idioma.“ – „Es erscheint unangemessen, sie zu zwingen, ihre Muttersprache aufzugeben. Es sollen nur für diejenigen einige Lehrer vorhanden sein, die eventuell freiwillig unsere Sprache lernen möchten.“

Den Sprachen der Ureinwohner wurde höchster Respekt gezollt (nicht nur in Amerika, sondern auch auf den Philippinen). So wurde bereits 1596 an der Universität von Lima ein Lehrstuhl für die Sprache der Anden eingerichtet: die bis heute gesprochene Inka-Sprache Quechua.

Ein mühseliger Arbeitsprozess begann, denn es galt ja nicht nur, Grammatik und Vokabular der genannten Sprachen systematisch zu erfassen und schriftlich zu fixieren, was zuvor nie geschehen war, sondern neue sprachliche Formen für die Inhalte des Glaubens zu schaffen. Begriffe wie ,Gnade‘, ,Glaube‘, ,Sühne‘ fehlten.

Mit Bravour wurde sie bewältigt, diese immense philologisch-theologische Herausforderung. Lexika und Grammatiken der indigenen Sprachen entstanden, lateinische und spanische Texte wurden übersetzt, und zwar nicht nur in Lateinamerika, sondern auch im Norden. Bereits die ersten französischen Missionare in Kanada erkannten, wie wichtig es war, die Sprachen der Ureinwohner zu erlernen. Die legendären Patres Brébeuf und Sagard, philologische Hochbegabungen, dokumentierten Anfang des 17. Jahrhunderts die Sprache der Montagnais-Indianer und der Huronen. Brébeuf forderte, die Huronensprache solle der „Heilige Thomas und der Aristoteles“ der Missionare werden.

Eine brutale Gegenbewegung der Gleichmacherei und des Zwangs setzte erst im 19. Jahrhundert ein, nämlich als die spanischen Kolonien eine nach der anderen unabhängig wurden. (Ein Prozess, der mit der Unabhängigkeit von Kuba und Puerto Rico 1898 endete).

Die neue Oberschicht, die sich vom Mutterland distanzierte, orientierte sich an den Idealen der Französischen Revolution. Eine große Rolle spielten die Freimaurerlogen, die dezidiert antikirchlich orientiert waren. Die neuen Herren sahen sich als Sachwalter des Fortschritts, und die indigenen Kulturen und Sprachen galten ihnen als minderwertig. Sie gingen daran, sie auszurotten.

Man muss diese zerstörerischen Tendenzen in die Geistesgeschichte der Zeit einordnen. Im 19. Jahrhundert entwickelten sich – Seite an Seite, leider häufig auch Hand in Hand, mit den Naturwissenschaften – einflussreiche rassistische Theorien. Ihren unheilvollen Einfluss sollten sie, wie wir alle wissen, im folgenden Jahrhundert potenzieren.

Autoren wie Arthur de Gobineau (1816 – 1882) und Houston Stewart Chamberlain (1855 – 1927) propagierten die Überlegenheit der weißen Rasse und die Notwendigkeit, sie „rein“ zu halten, und solche Ideen schwappten nach Amerika herüber.

Ein übler Rassist dieser Zeit war kein Geringerer als jener oben erwähnte Fackelträger, jene Portalfigur des Fortschritts: Charles Darwin. Er gehörte zu dem gerade auch in unseren Tagen anzutreffenden Typus des Naturwissenschaftlers, der in seinem Feld brilliant ist – jenseits des Tellerrands aber nicht frei von Borniertheit.

Darwins Forschungsreisen mit der Beagle häuften naturwissenschaftliche Erkenntnisse an, zugleich aber propagierte er die schlimmsten rassistischen Vorurteile. Als Ende des 19. Jahrhunderts der fürchterliche Völkermord an den Ureinwohnern Feuerlands stattfand, dienten seine Pöbeleien als Rechtfertigung. Denn er, der 1834 mit der Beagle Kap Hoorn umsegelt hatte, hatte die Feuerländer als kulturlos, als leibhaftige Affenmenschen, als die verächtlichsten Geschöpfe beschrieben, die er jemals getroffen habe. Das Anthropologische Museum in London bezahlte acht Pfund für den Kopf eines Feuerländers, worauf Killerkommandos zur Jagd nach Beute aufbrachen.

Mit Darwin vergleiche man einen Zeitgenossen. Einen bescheidenen Pater, der als frommer Augustinermönch den Namen Gregor führte. In der Stille des Klostergartens zu Brünn widmete er sich naturwissenschaftlichen Studien, die zu seinen Lebzeiten nie richtig gewürdigt wurden: Was sollte man in der Welt des Fortschritts von den botanischen Bemühungen eines Mönches schon erwarten!

Sein Name: Johann Mendel (1822-1884), der Begründer der Genetik.

Remote, cut-off, exceptionally full

A quiz question: Who is it? “No poet has exercised over the poetic production of this country [Britain] so long or so continuous a control.“ Shakespeare or Milton?

Here’s the the complete quotation, from Jasper Griffin, “Virgil“, in: The Legacy of Rome: A New Appraisal, 1992, p. 127:

“In an essay published in 1931 to mark the bimillenniary of the birth of Virgil, G. Gordon wrote:

‘I suppose there has hardly been a time since the Roman settlement when Virgil has not been read or his name heard at least in this island. It may be safely asserted that no single poet has exercised over the poetic production of this country so long or so continuous a control as Virgil. From Aldhelm to Bridges is the bluntest statement of its range.‘

Recent discoveries from Roman Britain have shown how far this was from being an exaggeration. (…) In the remote Roman province of Britain,  in Virgil’s own phrase, ‘penitus toto divisos orbe Britannos‘, Britain quite cut off from the whole world  – the poet’s work was everywhere familiar. He is indeed a special case, and as such he can illustrate the continuity of classical culture with exceptional fulness.“

Verdrehte Symbole

 

Das Bild Guernica von Pablo Picasso ist gewiss eines der bekanntesten Gemälde des zwanzigsten Jahrhunderts. In zahlreichen Büchern, etwa Schulbüchern, ist es abgebildet, als Symbol der Schrecken des modernen Krieges oder, enger gefasst, des Luftkrieges gegen Zivilisten. Das Bild der aus den Fugen geratenen, durcheinandergewirbelten Welt gilt, ähnlich wie Picassos Friedenstaube, als Ausdruck fundamentaler Ablehnung des Krieges, als pazifistisches Symbol.

Das Sujet: 1937 wurde während des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) das baskische Städtchen Guernica Ziel eines Bombenangriffs deutscher, italienischer und spanischer Flieger, die zu den Luftstreitkräften des aufständischen Generals Franco gehörten. 70% der Stadt wurden zerstört.

Die Regierung in Madrid und die mit ihr sympathisierenden Teile der internationalen Presse stilisierten den Angriff zu einem erbarmungslosen Terrorangriff, eine Darstellung, die sich in politisch korrekten Kreisen, zumal in Deutschland, bis heute gehalten hat.

Dabei wurde wiederholt von Historikern klargestellt, dass der Angriff ein militärisches Versehen war, da die Brücke über den Oca und die Straßenkreuzung der Vorstadt Rentería das Ziel gewesen waren. Schlechte Sichtverhältnisse führten dazu, dass die Bomben stattdessen die Stadt zerstörten. Die Kriegspropaganda sprach von 4000 Todesopfern, es waren aber weniger, insgesamt ca. 330.

Zum Vergleich: Tragische Versehen dieser Art unterliefen den Bombern der U.S. Airforce im Zweiten Weltkrieg am laufenden Band. So wurden versehentlich 70 Mal Ziele in der neutralen Schweiz bombardiert, darunter die Stadt Schaffhausen statt der IG-Farbenwerke in Mannheim-Ludwigshafen – 200 Kilometer daneben.

Die versehentliche Zerstörung Guernicas passt nicht als Symbol in die Reihe jener gezielten Terrorangriffe gegen die Zivilbevölkerung, die mit Dresden, Hiroshima und Nagasaki ihre fürchterlichsten Höhepunkte erreichten.

Das sagt allerdings nichts über den Symbolwert des Gemäldes. Und doch lohnt es sich auch hier, näher hinzusehen. Picasso unterstützte im Spanischen Bürgerkrieg vorbehaltlos die Linke. Später trat er in die kommunistische (=stalinistische) Partei ein. Er wurde strammes Parteimitglied. Und das, obwohl 1937, also in dem Jahr, als das Bild entstand, der stalinistische Terror für alle Welt sichtbar geworden, im wahrsten Sinne des Wortes ,zur Schau gestellt’ worden war. Denn in Moskau fanden die berüchtigten Schauprozesse gegen echte oder vermeintliche  Abweichler statt.

Für die mit dem Kommunismus sympathisierenden europäischen ,Kulturschaffenden‘, etwa Brecht, Shaw, Lasker-Schüler, kein Grund zur Irritation. Einer von ihnen, der damals erfolgreiche Romanautor Lion Feuchtwanger, reiste sogar als Gast Stalins nach Moskau, nahm an Schauprozessen teil, lobte die freundliche Atmosphäre, den Plauderton zwischen Richter und Angeklagten, und schrieb ein Propagandabuch.

Walter Benjamin rühmt in seinem Moskauer Tagebuch, dass am Sonntag in Moskau endlich Ruhe herrsche, das Kirchengeläute, das ihm in anderen Städten der Welt auf die Nerven gehe, sei endlich verstummt! Jean-Paul Sartre forderte, die Freiheit des Einzelnen müsse aufgehen in der absoluten Freiheit der kommunistischen Partei.

Martin Heidegger hat später über seine eigene unappetitliche Verbindung zum Nationalsozialismus geschrieben: „Wer groß denkt, muß groß irren.“ Man möchte wie in einem Grundkurs der Aussagenlogik antworten: Aber nicht jeder, der groß irrt, ist auch ein großer Denker.

Als 1933 Salvador Dalí das Bild ,Das Rätsel des Wilhelm Tell‘ veröffentlichte, führte das in dem genannten Intellektuellenmilieu zu Protesten, heute würde man sagen, zu einem politisch korrekten ,Aufschrei‘. Dalí hatte sich erdreistet, die andere Portalfigur des Sowjetkommunismus, Wladimir Iljitsch Lenin, mit nacktem, in die Länge gezogenen Hinterteil zu malen; ein unverzeihlicher Frevel: Die Gutmenschen von damals und dort hatten nicht ohne Grund den Eindruck, von Dalí verarscht worden zu sein.

In Spanien selbst führten die Kommunisten einen brutalen Zweifrontenkrieg: nicht nur gegen alles, was als ,faschistisch’ eingestuft wurden, sondern auch gegen ihre politischen Konkurrenten, die Anarchisten des Frente Anarquista Ibérico. Der Genosse Erich Mielke etwa war im Einsatz. Er erwarb professionelle Kenntnisse, die ihm später als Minister für Staatssicherheit (1957-1989!) in der Deutschen Demokratischen Republik nützlich sein würden.

Zurück zu dem Gemälde Guernica. Jeder, der das kleine Einmaleins des Marxismus-Leninismus kennt, weiß, dass von fundamentaler Ablehnung von Gewalt gar keine Rede sein kann. Es gibt zwei Arten von Gewalt: die der Herrschenden (schlecht) und die der Unterdrückten (gut). Oder, in Lenins Worten, die Grundfrage der Geschichte ist: Wer wen? Deshalb hing in den Stuben der 68er auch nicht das Antlitz von Mahatma Gandhi, sondern das Konterfei Ernesto ,Che‘ Guevaras. (Über den letztgenannten zu schreiben wie hier über Picasso lohnt sich kaum – Guevara selbst hat sich in einem lichten Augenblick als Don Quijote bezeichnet. Er meinte einen blutrünstigen Don Quijote.)

Vom Beginn des Spanischen Bürgerkriegs an bombardierten die ,roten Flieger‘ der Regierungsseite die Zivilbevölkerung im Territorium der Aufständischen, zum Beispiel erfolgten 1936 Angriffe auf Albacete und Oviedo. Ein Spezialangriff galt einem spanischen Nationalheiligtum, der barocken Kathedrale von Zaragoza, die eingeäschert werden sollte. Aber die Bombenlast explodierte nicht (ein Wunder?) oder fiel daneben, siehe oben.

Guernica ist also gar kein Aufschrei gegen Krieg und Gewalt, sondern gegen Krieg und Gewalt der anderen Seite – ein fundamentaler Unterschied.

1939 gipfelte der Zynismus Stalins im Pakt mit Hitler, Grundlage des gemeinsamen Überfalls auf Polen. Er verriet damit vor aller Welt seine spanischen Freunde, die er zuvor mit Waffen unterstützt hatte, eine geradezu irre politische Pirouette. Nazis und Kommunisten entdeckten einander als verwandte Seelen. Reichsaußenminister Ribbentrop, der am 23. August 1939 in Moskau den Hitler-Stalin-Pakt unterzeichnete, schwärmte: „Es war wie unter alten Parteigenossen.“ (Ein paar Monate zuvor erst hatte der spanische Bürgerkrieg mit dem Sieg des General Franco geendet, am 1. April 1939.)

Erste kritische linke Schriftsteller, etwa Eric Ambler oder George Orwell, distanzierten sich. Der Verfasser von ,1984′ hat den Pakt in ,Animal Farm’ unnachahmlich karikiert. Picasso blieb bei der Fahne. Als Stalin 1953 starb, veröffentlichten kommunistische Autoren in Frankreich eine Hommage mit hymnischen Texten, ,Ce que nous devons à Staline‘. Picasso steuerte auf der Titelseite eine Zeichnung des jungen Josef Wissarionowitsch bei, Porträt eines glutäugigen Idealisten mit klassisch ebenmäßigen Gesichtszügen; künstlerisch eher fragwürdig. Vive la différence: Jeder ,Kulturschaffende‘, der sich jemals an einer vergleichbaren Huldigung an A. Hitler beteiligt hätte (oder: hat!), wäre/ ist erledigt.

Im Englischen spricht man von ,pluralistic details’, die falsche Verallgemeinerungen entlarven, propagandistische Trompetenstöße dämpfen. Ein solches Detail sind die Ereignisse von Weihnachten 1936 in Sevilla.

Die Streitkräfte der spanischen Regierung hatten für Weinachten den Einwohnern einen Luftangriff angekündigt. Als besonderes ,Weihnachtsgeschenk’ sollte eine 1000-kg-Bombe über der Stadt abgeworfen werden. Dass es dazu nicht kam, war vor allem den Fliegern der deutschen Legion Condor zu verdanken, also jenen Luftstreitkräften, die später für die Zerstörung der Stadt Guernica mitverantwortlich waren.

Sie waren entscheidend an der Verteidigung des Luftraums über Sevilla beteiligt, und zwar mit der modernsten Jagdmaschine, der pfeilschnellen ME 109 (BF 109). Die ,roten Flieger’ wurden zum Abdrehen gezwungen, die Stadt blieb verschont.

Ein Fazit: Picassos Bild als Mahnung, als Aufschrei gegen den Krieg misszuverstehen ist eine Fehlinterpretation  – wer aber sollte etwas an dieser Botschaft auszusetzen haben?