Wie bereits angezeigt, sind in den letzten Wochen zwei Beiträge von mir in FORVM CLASSICVM erschienen, der einzigen mir bekannten philologischen Fachzeitschrift, die den Schulterschluss zwischen Universität und Schule schafft, herausgegeben von Herrn Professor Markus Schauer.
Der erste Aufsatz (Heft 3/2019), eine Ko-Produktion mit Fabian Peter Weimer, behandelt – ausgehend von Aristoteles und Cicero – die Metapher, einen Grundbaustein unserer Alltagssprache also, genauso wie der Dichtersprache, der Rhetorik, der Sprache der Werbung.
Ist jedes ,Bild‘ eine Metapher? Wie unterscheiden sich Metapher und Metonymie? Wie ,funktionieren‘ Metaphern? Wann ist eine Metapher geglückt, wann nicht? Können wir überhaupt sprechen, ohne Metaphern zu verwenden? Wie kann man im gymnasialen Unterricht statt oberflächlicher Kategorisierung ein vertieftes Verständnis der Stilfiguren vermitteln?
Wir werfen einen Blick auf die im Unterricht der verschiedenen Sprachen verwendete Terminologie und heben anhand deutscher, griechischer, lateinischer, englischer und französischer Beispiele Kongruenzen und Unterschiede hervor.
Fabian Weimer stellt dann eine von ihm durchgeführte Unterrichtsreihe aus dem Lateinunterricht der Oberstufe zum Thema Stilfiguren/Metaphern vor.
Mein zweiter Aufsatz (Heft 4/2019) analysiert den Brief des Francesco Petrarca, des Schöpfers der herrlichen Sonette an Madonna Laura, vom 26. April 1336. Den lateinischen Text eines italienischen Dichters über einen französischen Berg. Ich habe den Brief im Lichte neuer italienischer Forschungsbeiträge gelesen.
Thema ist Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux, eines 1900 Meter hohen Vulkankegels in der Provence. In anmutig treffsicherem Latein beschreibt der Dichter die Vorbereitung dieser Expedition, die er zusammen mit seinem Bruder Gherardo unternahm, den Auf- und den Abstieg.
Die Idee, den Berg zu besteigen, die Initialzündung, sei seiner Livius-Lektüre entstammt! (Zu Livius, dem großen Sohn Paduas, vgl. meinen Blog-Eintrag ,Klassiker in die Hausapotheke‘ vom 11. Februar 2020.)
Vor allem deutsche Wissenschaftler haben in den letzten Jahrzehnten ein ganz gewaltiges Fragezeichen unter diesen Brief gesetzt.
Das Problem: War er überhaupt oben? Die Dinge liegen nicht so einfach, wie sie auf den ersten Blick wirken mögen … Das musste meine Neugier wecken, ich hoffe, auch die der Leserinnen und Leser.
Poncho Sanchez, der legendäre conguero, hat 2019 sein erstes neues Album in sieben Jahren veröffentlicht.
Trane’s Delight ist der Titel, eine Hommage an John Coltrane. Keine Empfehlung. Der Titel ließ mich – der ich Poncho seit Jahrzehnten lausche – zunächst stutzen. Coltrane ist eine jener Größen im Pantheon des Jazz, die zwar pflichtschuldigst schwärmerische Erwähnung finden, wann immer vom Saxofon die Rede ist. Im realen Leben aber wird man kaum jemanden auftreiben können, der sich freiwillig seinen Schallwellen aussetzt – so schwer verdaulich sind seine gedehnten a-melodischen Eskapaden. (1) Im verschwurbelten Bullshit-Idiom der deutschen Geisteswissenschaften (siehe meinen Blog-Eintrag Leere in Elfenbein vom 6. April 2019): Seine Künste sind intersubjektiv schwer nachvollziehbar. (2)
Meine Befürchtung, Poncho habe sich zu sehr von Meister Coltrane inspirieren lassen, erwies sich jedoch als unbegründet. Im Englischen verwenden Musik-Kritiker häufig das Adjektiv listenable für solche Musik, die wirklich den Weg ins Ohr der Hörer findet. Eminently listenable ist Ponchos Album, eine abwechslungsreiche, stets melodische tour de force durch den Kosmos des Latino-Jazz, die vorangetrieben wird durch seine oft scharfkantige, aber immer differenzierte Perkussion, mit exzellenten Bläsersätzen, Latino-Saxofon (jenem ganz eigenem Melodiestil, der von allen anderen Formen des Jazz abweicht) und Piano. Dazu der ein oder andere auf Spanisch gesungene bolero, der von der gelassenen Melancholie des Alters kündet (um die auch ich mich bemühe; bislang ohne nennenswerten Erfolg).
Bemerkenswert ist zweierlei: zum einen, welche melodischen und rhythmischen Finessen die Hände eines wahren Maestro der conga entlocken.
Zum anderen: Man würde vermuten, dass Poncho der karibisch-kubanischen Tradition entstammt, wie etwa Mongo Santamaría (Kuba), Willie Bobo (Puerto Rico), Ray Barretto (New York).
Weit gefehlt: Er ist mexikanischer Abstammung und wuchs in den Sixties ,auf der anderen Seite‘ der USA, nämlich in Kalifornien auf. ,Sánchez‘, das spanische ,Meier‘ oder ,Müller‘, schreibt er ohne Akzent, so wie auch Jennifer López den Nachnamen US-amerikanischen Gepflogenheiten angepasst hat.
Während sich Ponchos Schulfreunde wissentlich, willentlich den Lärmorgien von Jimi Hendrix, Frank Zappa, Deep Purple & Co. aussetzten oder gar, marihuanaschwadenumnebelt, dem leeren Technikbombast von Pink Floyd, begeisterte Poncho sich für die Welt der filigranen Latino-Perkussion, die – kostbaren – Ohren für später schonend.
Der Fall lässt an Cal Tjader denken, einen der ganz Großen des jazz latino, man denke nur an das eine Stück Mamblues. (3) Ein Weißer aus schwedisch-amerikanischem Elternhaus und zugleich der bekannteste Vibraphonist dieses Musikstils. Auch er wuchs in Kalifornien auf. Er versammelte Latino-Musiker um sich, vor allem die besten Perkussionisten – unter ihnen, por supuesto, Poncho Sanchez – und wurde, so die Wikipedia „the most successful non-Latino Latin musician“. Keine geringe Leistung, man denke nur an Konkurrenten wie Arturo ,Chico‘ O’Farrill.
Eine typisch amerikanische Geschichte: Als Cals Verkaufszahlen sanken, wurde er von der Plattenfirma zum Pionier des Asian-American jazz transformiert, und seine Stücke hießen fortan Tokyo Blues, Shina No Yoru oder Borneo.
Vorbei die Zeit, als seine Alben Titel wie Demasiado caliente trugen. Statt sich lasziv räkelnder – hübsch anzuschauender – Latinas aus Fleisch und Blut zierten jetzt feiste Bonsai-Figuren aus Jade das Cover des Albums Different Shades of Jade.
,Typically American‘, siehe oben, ist aber auch dies: Hier ergab sich aus kühner Synthese ein ganz eigenwilliges Werk (die CD besitze ich, das Vinyl-Album habe ich mir als Second-Hand-Angebot, zum Greifen nah, bei meinem letzten London-Aufenthalt Dezember 2018 entgehen lassen). Ein ganz ähnlicher Fall war die von der Plattenfirma initiierte Kombination von Charlie Parker mit der Big Band des unsterblichen Machito, eine Kooperation, von der jemand (ich bin im Augenblick zu faul, bei Google nachzuschlagen, wer) gesagt hat: it’slike an eagle flying over lava.
Trane’s Delight ist ein guter Anlass, die Boxen mal wieder von heißen Rhythmen beben zu lassen. Die CD erschien letztes Jahr, das entsprechende Doppelalbum auf Vinyl – von untadeliger Sound-Qualität, mit kräftigem Bass – wurde vor ein paar Wochen 2020 veröffentlicht.
(1) Der Fairness halber sei hinzugefügt, dass er auf dem kommerziell erfolgreichsten Jazz-Album, Kind of Blue von Miles Davis, mitgespielt hat.
(2) Danke nochmal an meinen User B., der mir das Werk des großen Rolf Breuer zum Thema empfahl, der mit dem Laserschwert des kritischen Intellekts durch diesen Schwurbeldschungel gefahren ist.
(3) Soundjazz Records, London, hat vor einigen Jahren eine Vinyl-Single mit zwei Versionen dieses Klassikers veröffentlicht, eine Platte, die ich zu besonderen Okkasionen auf meinem Plattenteller kreisen lasse. Das Stück ist auch auf dem Album Demasiado Caliente.
Dass Titus Livius (*59 (?) v. Chr. in Padua, 17 (?) n. Chr. ebd.), der große römische Geschichtsschreiber (Ab Urbe Condita), durch die Jahrhunderte hinweg einen immensen Einfluss auf die europäische Literatur und Geschichte gehabt hat, ist unbestreitbar. Machiavelli, Rousseau, Shakespeare (The Rape of Lucrece, Macbeth), Lessing (Emilia Galotti) sind von ihm beeinflusst worden.
Ebenso die Gedanken- und Bilderwelt der französischen Aufklärung und Revolution; man denke etwa an das berühmte Gemälde Le Serment des Horaces, Der Schwur der Horatier (1784) von Jacques-Louis David, das sein Sujet dem ersten Buch von Ab Urbe Condita verdankt und in republikanisches Pathos taucht, indem es die Drillingsbrüder zu Idealbildern des opferbereiten citoyen stilisiert.
Und: die hohe sprachliche Schönheit und Gestaltungskraft des römischen Klassikers – aus Padua! – ist nicht nur von Hippolyte Taine gerühmt worden
Wer die Monographie Tito Livio von Ángel Sierra (Madrid 2012) öffnet, findet zu Beginn des allerersten Kapitels, das den Titel Invitación a la lectura de Livio trägt, ein weiteres, überraschendes Argument für die Livius-Lektüre: Livius lesen ist gesund!
Livio es una lectura saludable. Según cuentan, el rey D. Alfonso V de Aragón y I de Nápoles recuperó con la lectura de Livio la salud que ni la medicina ni la música habían podido devolverle; la lectura de Livio fue el único consuelo de Cola di Rienzi en la cárcel de Aviñón, manteniendo vivos sus ideales de libertad, y con el paso de los años, de la mano de Stendhal, hasta un personaje de ficción recurriría a sus reconfortantes efectos: ,Le Marquis, irrité contre le temps présent, se fit lire Tite-Live.‘
Livius ist eine gesunde Lektüre. Man erzählt, Alfons V. von Aragon (=Alfons I. von Neapel) habe durch die Livius-Lektüre seine Gesundheit wiedererlangt, die weder die Medizin noch die Musik ihm hatten zurückgeben können. Die Lektüre des Livius war der einzige Trost für Cola di Rienzi im Gefängnis zu Avignon, sie hielt seine Ideale der Freiheit am Leben, und im Laufe der Jahre sollte sogar eine literarische Gestalt die heilenden Effekte des Livius nutzen, eine Schöpfung Stendhals (in Le Rouge et le Noir): ,Le Marquis, irrité contre le temps présent, se fit lire Tite-Live.‘ – ,Der Marquis, zornig auf die Gegenwart, lies sich Titus Livius vorlesen.‘
Und so nehme der Bürger – auf den zur Zeit die Nachrichten aus der Politik nur so hereinprasseln und der das Stammeln deutscher PolitikerInnen im kopfschüttelnd-stirntippenden Modus der Dauerkonsternation verfolgt – seinen Livius zur Hand.
Jeder, dem – ähnlich wie dem Marquis aus Le Rouge et le Noir – angesichts der vielen Armleuchter in Berlin und der Bundesabkanzlerin A. M. die Zornesadern schwellen, ergötze sich stattdessen an der staatsmännischen Klugheit der weißhaarigen Senatoren, die das anfangs winzige Schiff der res publica mit sicherer Hand durch so viele drohende und reale Katastrophen steuerten: Politikern und Militärs, die selbst einem Hannibal und seinen Elefanten trotzten. (Und präzis argumentierende Reden halten konnten sie auch!) Felix Roma.
http://christophwurm.de/wp-content/uploads/2017/12/logo-wurm-neu.png00Christoph Wurmhttp://christophwurm.de/wp-content/uploads/2017/12/logo-wurm-neu.pngChristoph Wurm2020-02-11 20:48:472020-02-14 12:44:14Klassiker in die Hausapotheke!
Schlagzeile der rumänischen Netz-Zeitung Ziarul românesc von gestern, dem 6. Februar 2020:
„Merkel kritisiert die Wahl des Ministerpräsidenten in Thüringen mit Unterstützung der AFD: ,Ein schwarzer Tag für die Demokratie, das Ergebnis muss annulliert werden.'“
Besäße (=coniunctivus irrealis) Merkel einen Funken an Selbstironie, Stil, Sprachwitz, dann würde sie ob dieser Schlagzeile sogar selbst schmunzeln (was natürlich bei Merkel – und Merkels Antlitz – auf ewig ausgeschlossen ist und bleibt).
Da ist zunächst die herrliche syntaktische Doppeldeutigkeit ,mit Unterstützung der AFD‘ (in der Übersetzung wie im rumänischen Original). Die Kanzlerin sollte sich doch wohl nicht zum Unterstütztwerden durch diese Partei erdreistet haben. Vor allem nicht zu diesem politischen Anlass!
Und: Die Demokratie-Gralshüterin, die von Ganz Oben anordnet, eine demokratische Entscheidung, die Ihrer Durchlaucht nicht recht behagt, möge korrigiert (im O-Ton: ,rückgängig gemacht‘) werden – sie ist wie der Kreter, der sagt: Alle Kreter lügen.
Pardon, ich entschuldige mich bei den ,Lesenden‘ meines Blogs, bei Userinnen und Usern. Selbstverständlich muss es heißen: Die KreterIn, die da sagt: alle KreterInnen lügen.
http://christophwurm.de/wp-content/uploads/2017/12/logo-wurm-neu.png00Christoph Wurmhttp://christophwurm.de/wp-content/uploads/2017/12/logo-wurm-neu.pngChristoph Wurm2020-02-07 21:00:452020-02-14 12:49:56Von Thüringern, KreterInnen und dem Antlitz der Zarin ...
2019 habe ich eine ganze Reihe von Projekten verfolgt, die im neuen Jahr 2020 das Licht der Welt erblicken werden. Eine Teilmenge, vier neue Aufsätze, ist in den letzten Wochen bereits erschienen. Der Aufsatz Nimm und lies ist im Mitteilungsblatt des Altphilologen-Verbandes NRW (2/2019) publiziert worden und behandelt die Geschichte der Schrift und des Lesens in Europa. Ein weiterer Aufsatz, den ich zusammen mit dem trefflichen Fabian Weimer verfasst habe, erschien in FORVM CLASSICVM (3/2019). Wir haben uns mit einem für jede Art von Textarbeit fundamentalen Thema beschäftigt: mit der Metapher, und Fabian Weimer hat eine Unterrichtsreihe zu diesem Sujet konzipiert und erprobt. Er stellt sie in diesem Aufsatz dar. Im neuen FORVM CLASSICVM (4/2019) habe ich mich mit Francesco Petrarcas Bergtour auf den Mont Ventoux befasst. Ich zitiere die freundlichen Worte von Herrn Prof. Markus Schauer aus dem Editorial des Heftes: „Und Christoph Wurm deutet für uns Petrarcas Brief über dessen Aufstieg zum Mont Ventoux, nicht ohne tiefe historische und literarische Einblicke in Petrarcas Welt zu geben.“ Die drei genannten Aufsätze stehen auf dieser Homepage ab sofort gratis im Portfolio zum Download zur Verfügung. Auf der Homepage des Instituts für Glauben und Wissen (IGUW) ist mein Aufsatz Der früheste Hinweis auf Jesus in der antiken Literatur außerhalb des NeuenTestaments? der Textsammlung hinzugefügt worden. Auch ihn kann jeder gratis herunterladen. Ich danke Herrn Dr. Alexander Fink und Herrn Dr. Andreas Gerstacker auch an dieser Stelle noch einmal für die wissenschaftliche Kooperation. Über Leserfeedback und Fragen zu meinen Aufsätze würde ich mich freuen, gehen Sie dazu einfach zu ,Kontakt‘ hier auf meiner Seite.
Eines der erfolgreichsten deutschen Spanischbücher ist erneut nachgedruckt worden. ,Tener la palabra‘ ist unverzichtbar für die mündliche Kommunikation in einer Vielzahl von Situationen, z.B. Bewerbungsgespräch, Diskussion oder Vortrag.
Ein Leser meines Blogs wies mich freundlicherweise hin auf ein mir bis dahin unbekanntes Werk, das „Handbuch der Hochstapelei in der Literaturwissenschaft“ (IGEL Verlag 2009) des emeritierten Anglistik-Professors Rolf Breuer. Ein höchst humorvoller und bereichernder Einblick in die Literaturwissenschaft der letzten Jahre.
Breuer, etwa als Experte für die englische Romantik bekannt, liefert in seinem Buch einen alphabetischen Überblick über die Techniken, mit denen man im universitären Bereich Inhaltsarmes aufwertet, um als Fachwissenschaftler dazustehen.
In erster Linie durch ein möglichst ,komplex’ wirkendes Riesengeschwurbel, das alles Offensichtliche ,manifest’ macht, alles Wichtige ,relevant’, alles Umstrittene ,kontrovers’. Aus jedem Gespräch wird ein ,Diskurs’, und aus literarischen Gattungen werden ,Invarianzbildungsschemata’ (S.27).
Damit verbunden ist ein weiteres Ärgernis: die Auflösung des Textsinnes. Es gebe keinen objektiven Textinhalt – so die von Breuer kritisierten Geisteswissenschaftler, allen voran der legendäre Jacques Derrida – sondern nur einzelne Lesarten. Den Sinn eines Textes schaffe daher der Leser, nicht der Autor.
Die Texte in ihrer individuellen Verfasstheit (also der Gegenstand der Philologie) sind daher nicht mehr so wichtig. Breuer nennt etwa einen Experten für ,Empirische Literaturwissenschaft’, der in seinem gedehnten Schrifttum an keiner Stelle Schriftsteller oder literarische Werke erwähne (S. 17).
S. J. Schmidt ist der Name des selbsternannten Experten, seine Wirkungsstätte die Universität Siegen. Für die allermeisten ,Denker’, die Breuer erwähnt, gilt: Außerhalb der Elfenbeintürme, in denen sie hocken, kennt sie kein Mensch.
Genauso wenig wie diese edlen Pflanzstätten selber, von Siegen/Westf. bis Frankfurt an der Oder. Breuer (S. 66f.): „Studenten aller Länder, auf nach Frankfurt! Oder?“ (Dass diese Studenten, wie Breuer weiss, keine drei Bücher mehr aus eigener Lektüre kennen, versteht sich von alleine.)
Die ,literaturwissenschaftliche‘ Sichtweise ist wiederum Teil eines noch umfassenderen Anything goes, denn die Literaturwissenschaftler sehen sich ja als Teil der allgemeinen Kulturwissenschaft. Eigentlich sei alles ,soziales Konstrukt’, auch das Geschlecht, wie uns die gender studies weismachen wollen. Seit Breuers Buch 2009 erschien, mischen sich die Genderkundler, wie wir ja alle wissen, immer spürbarer in alle Lebensbereiche ein.
Bei maximaler ,Offenheit’ in alle Deutungsrichtungen und überbordender Begeisterung für Buntheit & Vielfalt sind die Literaturwissenschaftler, die ,Amateurphilosophen’ (S. 17), wie Breuer sie sarkastisch nennt, natürlich strengstens ,politisch korrekt’ (S. 60f.). In den zehn Jahren seit dem Erscheinen des Buchs hat sich diese ,Korrektheit’ immer weiter radikalisiert. Wehe dem, der Falsches meint, denn so ist das mit dem Deutungspluralismus auch wieder nicht gemeint.
Von der Annahme gesicherter biologischer Fakten, wie etwa des Einflusses der Hormone auf unser Verhalten, lässt sich die Gender-Laune nicht den Spaß verderben. Dieses Akzeptieren würde ja voraussetzen, pardon, präsupponieren, dass es so etwas wie Realität gibt, während der Poststrukturalismus uns lehrt, alles sei bloß ,Zuschreibung‘.
„Man entzieht sich – und das nicht heimlich, sondern offensiv – den harten Wissenschaftskriterien der Naturwissenschaften“ (S. 28), alle „Wirklichkeitsbereiche gelten als konstruiert und müssen daher dekonstruiert werden“ (S. 15, Artikel Dekonstruktion). Breuer zitiert (S. 51) aus der Vorstellung eines Buches eines R. W. Müller-Farguell (wer immer das auch sein mag):
„Die hier vorgebrachten Lektüren situieren sich im methodischen Moment, wo hermeneutisches Verstehen notwendig in Dekonstruktion umschlagen muss.“
Breuer: „Literatur- und Kulturwissenschaften mögen nicht den unmittelbaren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen der Physik oder Biologie haben. Dafür kennen sie aber auch nicht das Phänomen von Lug und Betrug, womit die Naturwissenschaften immer wieder einmal ins Gerede kommen. Nach den führenden französischen und amerikanischen Theoretikern der Literatur- und Kulturwissenschaften gibt es nämlich keine Wahrheit, keine Objektivität und keine Fakten.“ (S. 6)
Es gilt hinzuzufügen: wohl aber Professuren, Beamtengehälter, Beihilfe- und Pensionsansprüche.
Nach ein paar Stunden Lateinunterricht kennt jeder die beiden Vokabeln ,pugnare’ – ,kämpfen’ ,pugna’ – ,Kampf’, nicht jedem aber dürfte klar sein, dass diese unscheinbaren Wörter mitten in ein Kapitel europäischer Sprachgeschichte hineinführen.
,Pugnare’ stammt von ,pugnus’ (-i mask.), ,die Faust’, heißt also ursprünglich ,boxen’.
Wer ,pugnis ac calcibus’ kämpfte – im Italienischen ,con pugni e calci’ – stritt ,mit Fäusten und Hacken’: ein Kickboxer.
Von den spartanischen Jungs heißt es bei Cicero (Tusc. 5, 77), sie wehrten sich „pugnis, calcibus, unguibus, morsu denique“, „mit Fäusten, Fersen, Nägeln, ja mit Beißen“. Ein lebendiges Bild dessen, was man auf Englisch mit dem Adjektiv ,pugnacious’ benennt.
Cicero kann man auch entnehmen, dass die Römer sich nicht ins Fäustchen gelacht haben. Klammheimliche Freude lebten sie stattdessen im Bausche ihres Gewandes aus, ,in sinu gaudere’ lautet die lateinische Redewendung (vgl. etwa Tusc. 3, 51).
Auch war den Römern fremd, von etwas zu sprechen, was wie die Faust aufs Auge passt. ,Velut pugnus oculo convenire’ – das kann man zwar zusammenreimen, aber echtes Latein ist es nicht.
Zu ,pugnare’ gehört ein weiteres Wortpaar aus dem lateinischen Schulwortschatz: die Komposita ,expugnare’ – ,erobern’ und ,expugnatio’ – ,Eroberung’. ,Einbruchsichere Türen’ – das sind auf Spanisch ,puertas inexpugnables’.
Die ursprüngliche Bedeutung ,boxen’ ging auf das Verb ,pugilari’ über, und das Substantiv ,pugil’ (-is mask.) bezeichnet nicht den Kämpfer, sondern den Faustkämpfer. Es lebt noch heute im Italienischen fort. Man denke an den klassischen italienischen Witz: „Sagt der eine: Mein Lebensmotto war immer: Lieber geben als nehmen. Sagt der andere: Ich bewundere Sie, Signore, Sie sind wahrhaft human, ein Altruist. Der erste: No, veramente sono un pugile.“
Der Boxsport ist auf Spanisch ,el boxeo’, der Fußball ,el fútbol’. Die italienischen Entsprechungen dagegen stammen nicht aus dem Englischen: ,il pugilato’ und ,il calcio’. Die Ursache ist historisch. Der Duce war es, der selbsternannte Sprachpfleger Mussolini, der den Anglizismen den Kampf ansagte.
Verwandt ist ,pugnus’ mit dem Verb ,pungere’ (pungo, pupugi, punctus, -a, -um), ,stechen’. Die beiden gemeinsame Wurzel pug- bezeichnet ,un coup frappé’, einen Hieb, wie F. Martin in seinem etymologischen Standardwerk ,Les mots latins’ mitteilt. Bei ,pugnare‘ ist es – in der Urbedeutung – ein Hieb mit der bloßen Faust, bei ,pungere’ umschließt sie einen Stichel, etwa einen Dolch.
Aus ,punctum’ (=das Gestochene) stammen zahlreiche deutsche Wörter, zum Beispiel der ,Punkt’, das Adjektiv ,pünktlich’ (also ,punktgenau’) oder die ,Akupunktur’ (=,Stechen mit der Nadel’).
,Der Stichel’, ,die Spitze’ ist in den romanischen Sprachen weiblich (,la punta’ im Italienischen und Spanischen, ,la pointe’ im Französischen), das Ergebnis, nämlich der ausgestanzte Punkt, männlich (,il/el punto’, ,le point’).
Die Metapher des Zeitpunkts haben schon die Römer verwendet. Caesar etwa schreibt bei seiner Schilderung der Belagerung Marseilles an einer Stelle (Bell. Civ. II, 14,4): „Ita multorum mensum labor hostium perfidiā et vi tempestatis puncto temporis periit.“ – „So ging die Arbeit vieler Monate durch die Hinterhältigkeit der Feinde und die Sturmböen im Handumdrehen verloren.“
Der ,springende Punkt’ dagegen, das ,punctum saliens’, als Bezeichnung für den Kern einer Sache, ist eine Übersetzung des griechischen στιγμὴ αἱματική. So bezeichnet Aristoteles das Herz des werdenden Vogels, das als erstes im Ei hin- und her springe.
,Pungere’ hat auch im Englischen zahlreiche Spuren hinterlassen, etwa das Verb ,to punch’ für ,schlagen’ (die ,punch-clock’ etwa ist die ,Stechuhr’). Desweiteren: das Substantiv ,point’, das Verb ,to point (at s.th.)’ und das Adjektiv ,pointed’ (spitz zulaufend, etwa in ,pointed beard’=,Spitzbart).
Einem anderen Adjektiv, ,pungent’, sieht man seine Verwandtschaft mit dem lateinischen Infinitiv ,pungere’ sofort an. Es bezeichnet einen stechenden Geruch oder einen beißenden Kommentar, ,a pungent remark’.
Von ,pugnare’ dagegen kommt dagegen das Adjektiv ,repugnant’ für ,abstoßend’, das auch auf Italienisch (ri-), Spanisch und Französisch existiert und dieselbe Bedeutung hat. Das Rumänische verwendet dagegen eine andere Ableitung aus dem Lateinischen, ,respingător‘.
Manchen Französischlerner mag verwundern, dass ein- und dasselbe Substantiv, ,la poignée’, so viele verschieden Bedeutungen hat: ,Griff’, ,Schaft’, ,Handvoll, Schar’, ,Händedruck’, ,Joystick’ – aber alle diese Verwendungen sind zurückzuführen auf eine einzige Grundbedeutung: das, was die Faust, le poign (il pugno, el puño), umschließt.
Pech hat in Italien der, dessen Faust nichts umschließt außer Fliegen: ,un pugno di mosche‘ haben heißt ,leer ausgehen’.
Von den ,poignées d’amour’ soll hier besser nicht die Rede sein …
Dass man die eigene Sprache am genauesten kennenlernt, wenn man sich mit Fremdsprachen beschäftigt, ist eine Binsenweisheit. Erst durch den Kontrast wird das scheinbar Selbstverständliche ja zur Besonderheit, konturieren sich reliefartig Charakteristika der Muttersprache und der Fremdsprache. Das Folgende ist, denke ich, ein gutes Beispiel.
Eines der häufigsten lateinischen Präfixe ist RE- [rĕ], vor Vokal RED- [rĕd], für ,zurück’ sowie für ,wieder’, ,erneut’. Es hat sich nicht nur in den romanischen Sprachen erhalten, sondern ist auch ins Deutsche und Englische eingedrungen.
Während man nun im Deutschen und Englischen jedes Verb mit den Adverbien ,wieder’/,again’ kombinieren kann, ist der Gebrauch des Präfixes RE- zur Bezeichnung der Wiederholung auf bestimmte Verben beschränkt. Man kann sagen: ,to rethink something’, aber nicht: *,to resay something’ oder *,to reask something’.
Ein Blick auf das Lateinische, Französische und Spanische zeigt, dass dort RE- viel häufiger ist, dass man aber auch in diesen Sprachen nicht einfach RE- vor jedes beliebige Verb setzen kann, um die Wiederholung zu bezeichnen.
So kann man etwa auf Französisch problemlos ,recommencer’ für ,wieder anfangen’ sagen, im Spanischen dagegen ist ,recomenzar’ (für ,volver a comenzar’) weitaus seltener.
,Revidere’ für ,wiedersehen’, wie in ,Au revoir!’ oder ,Arrivederci!“, ist im Lateinischen unüblich, weder Caesar noch Cicero benutzen das Verb.
Für „wenn er nach Hause zurückkommt“ kann man auf Französisch „quand il revient chez lui “ sagen, für ein spanisches „cuando *reviene a casa“ findet sich dagegen im ganzen Internet kein einziger Beleg, man sagt „cuando vuelve a casa“.
Anders im Italienischen. Im Sinne von ,wieder’ kann man ,RI–’ vor jedes Vollverb setzen:
„Ho rimesso il libro sul tavolo.“ „Ich habe das Buch wieder auf den Tisch gelegt.“
„Giovanni ha rivinto.“ „Hans hat wieder gewonnen.“
„Questo mi ristupisce ogni volta.“ „Das erstaunt mich jedesmal wieder.“
Das gilt auch für die beiden Verben ,nascere’, ,leben’ und ,morire’ ,sterben’. Überschrift eines Zeitungsartikels aus Rom:
„Rinasce e rimuore in pochi mesi il giardino di via Pirzio Biroli.“ – „Der kleine Park in der Via Pirzio Biroli wird zum Leben erweckt und stirbt dann wieder, beides im Laufe weniger Monate.“
Man kann RI- sogar doppeln (außer vor re-), die sprachliche Repeat-Taste also zweimal drücken:
„Mi sono ririsvegliata alle 11.“ „Ich bin um elf Uhr erneut wiederaufgewacht.“
„Ho ririfatto colazione.“ „Ich habe zum dritten Mal gefrühstückt.“
„Giovanni ha ririvinto.“ „Hans hat erneut wieder gewonnen.“
„Mi riricandido e voi mi ririeleggete.“ – „Ich kandidiere zum dritten Mal, und ihr wählt mich zum dritten Mal.
Das passt lautlich natürlich hervorragend zum emphatischen Sprechduktus des Italienischen:
Wer die Dopplungen für merkwürdig hält, sollte bedenken, dass es auch im Deutschen Parallelen gibt, zum Beispiel ,vorgestern’ und ,vorvorgestern’, ,Vorgänger’ und ,Vorvorgänger’, ,Urgroßvater’, ,Ururgroßvater’, und ,Urururgroßvater’.
Ein ähnliches sprachliches Allheilmittel wie das Präfix RI- gibt es im Deutschen auch, nämlich ,weiter’, das mit jedem Verb, transitiv oder intransitiv, Zustands- oder Handlungsverb, zu einem neuen kombiniert werden kann (indem man es vor den Infinitiv setzt), nicht um die Wiederholung, sondern um die Fortdaueranzuzeigen.
Und auch was RE-/RI- für ,wieder’ betrifft, so verhält sich das Deutsche nicht so anders, wie man meinen könnte. Im Bereich der in den Wissenschaftssprachen gebräuchlichen Verben griechischen und lateinischen Ursprungs nämlich.
Das Deutsche bietet ja große Freiheit der Zusammenfügung unterschiedlicher Elemente zu neuen Wörtern. Nichts spricht prinzipiell dagegen, im akademischen Wortgebrauch neben gebräuchlichen Kombinationen wie ,reanimieren’, ,reformieren’ oder ,refinanzieren’ auch weitere zu benutzen, etwa ,reinstitutionalisieren’, ,reintegrieren’, ,retransformieren’, ,rediversifizieren’, ,rekanalisieren’, ,revariieren’ ,resynthetisieren‘.
Die Dopplung ist allerdings meist nicht möglich, es würde etwa merkwürdig klingen, zu sagen *,rereformieren’. Und doch: Spräche etwas dagegen, in einem medizinischen Kontext von Re-Reanimationsversuchen zu sprechen?
Selbstgeschaffene RE- oder sogar RE-RE-Kombinationen bieten sich natürlich für alle jene Sumpfgebiete der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften an, wo es Brauch ist, gedanklich Dürftiges durch exzessiven Fremdwortgebrauch aufzuwerten, das Matte wenigstens verbal aufzupolieren.
Vor allem also bei den üblichen Verdächtigen: Sozialwissenschaft, Politikwissenschaft, Pädagogik. Es böte sich dort vielleicht an, schon Erstsemester auf diese Möglichkeit der Wortbildung hinzuweisen, Pardon: auf diese lexikalische Formations-Option.
http://christophwurm.de/wp-content/uploads/2017/12/logo-wurm-neu.png00Christoph Wurmhttp://christophwurm.de/wp-content/uploads/2017/12/logo-wurm-neu.pngChristoph Wurm2018-12-01 00:02:542018-12-04 01:07:50Erneut und nochmal
Diese Internetseite benutzt sog. „Cookies“, Textdateien, die auf Ihrem Computer gespeichert werden und die eine Analyse der Benutzung der Internetseite durch Sie ermöglichen. Mit der Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unseren Datenschutzrichtlinien einverstanden.
FORVM CLASSICVM
Wie bereits angezeigt, sind in den letzten Wochen zwei Beiträge von mir in FORVM CLASSICVM erschienen, der einzigen mir bekannten philologischen Fachzeitschrift, die den Schulterschluss zwischen Universität und Schule schafft, herausgegeben von Herrn Professor Markus Schauer.
Der erste Aufsatz (Heft 3/2019), eine Ko-Produktion mit Fabian Peter Weimer, behandelt – ausgehend von Aristoteles und Cicero – die Metapher, einen Grundbaustein unserer Alltagssprache also, genauso wie der Dichtersprache, der Rhetorik, der Sprache der Werbung.
Ist jedes ,Bild‘ eine Metapher? Wie unterscheiden sich Metapher und Metonymie? Wie ,funktionieren‘ Metaphern? Wann ist eine Metapher geglückt, wann nicht? Können wir überhaupt sprechen, ohne Metaphern zu verwenden? Wie kann man im gymnasialen Unterricht statt oberflächlicher Kategorisierung ein vertieftes Verständnis der Stilfiguren vermitteln?
Wir werfen einen Blick auf die im Unterricht der verschiedenen Sprachen verwendete Terminologie und heben anhand deutscher, griechischer, lateinischer, englischer und französischer Beispiele Kongruenzen und Unterschiede hervor.
Fabian Weimer stellt dann eine von ihm durchgeführte Unterrichtsreihe aus dem Lateinunterricht der Oberstufe zum Thema Stilfiguren/Metaphern vor.
Mein zweiter Aufsatz (Heft 4/2019) analysiert den Brief des Francesco Petrarca, des Schöpfers der herrlichen Sonette an Madonna Laura, vom 26. April 1336. Den lateinischen Text eines italienischen Dichters über einen französischen Berg. Ich habe den Brief im Lichte neuer italienischer Forschungsbeiträge gelesen.
Thema ist Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux, eines 1900 Meter hohen Vulkankegels in der Provence. In anmutig treffsicherem Latein beschreibt der Dichter die Vorbereitung dieser Expedition, die er zusammen mit seinem Bruder Gherardo unternahm, den Auf- und den Abstieg.
Die Idee, den Berg zu besteigen, die Initialzündung, sei seiner Livius-Lektüre entstammt! (Zu Livius, dem großen Sohn Paduas, vgl. meinen Blog-Eintrag ,Klassiker in die Hausapotheke‘ vom 11. Februar 2020.)
Vor allem deutsche Wissenschaftler haben in den letzten Jahrzehnten ein ganz gewaltiges Fragezeichen unter diesen Brief gesetzt.
Das Problem: War er überhaupt oben? Die Dinge liegen nicht so einfach, wie sie auf den ersten Blick wirken mögen … Das musste meine Neugier wecken, ich hoffe, auch die der Leserinnen und Leser.
Karibisches aus Mexiko – ¡Ha vuelto Poncho Sánchez!
Poncho Sanchez, der legendäre conguero, hat 2019 sein erstes neues Album in sieben Jahren veröffentlicht.
Trane’s Delight ist der Titel, eine Hommage an John Coltrane. Keine Empfehlung. Der Titel ließ mich – der ich Poncho seit Jahrzehnten lausche – zunächst stutzen. Coltrane ist eine jener Größen im Pantheon des Jazz, die zwar pflichtschuldigst schwärmerische Erwähnung finden, wann immer vom Saxofon die Rede ist. Im realen Leben aber wird man kaum jemanden auftreiben können, der sich freiwillig seinen Schallwellen aussetzt – so schwer verdaulich sind seine gedehnten a-melodischen Eskapaden. (1) Im verschwurbelten Bullshit-Idiom der deutschen Geisteswissenschaften (siehe meinen Blog-Eintrag Leere in Elfenbein vom 6. April 2019): Seine Künste sind intersubjektiv schwer nachvollziehbar. (2)
Meine Befürchtung, Poncho habe sich zu sehr von Meister Coltrane inspirieren lassen, erwies sich jedoch als unbegründet. Im Englischen verwenden Musik-Kritiker häufig das Adjektiv listenable für solche Musik, die wirklich den Weg ins Ohr der Hörer findet. Eminently listenable ist Ponchos Album, eine abwechslungsreiche, stets melodische tour de force durch den Kosmos des Latino-Jazz, die vorangetrieben wird durch seine oft scharfkantige, aber immer differenzierte Perkussion, mit exzellenten Bläsersätzen, Latino-Saxofon (jenem ganz eigenem Melodiestil, der von allen anderen Formen des Jazz abweicht) und Piano. Dazu der ein oder andere auf Spanisch gesungene bolero, der von der gelassenen Melancholie des Alters kündet (um die auch ich mich bemühe; bislang ohne nennenswerten Erfolg).
Bemerkenswert ist zweierlei: zum einen, welche melodischen und rhythmischen Finessen die Hände eines wahren Maestro der conga entlocken.
Zum anderen: Man würde vermuten, dass Poncho der karibisch-kubanischen Tradition entstammt, wie etwa Mongo Santamaría (Kuba), Willie Bobo (Puerto Rico), Ray Barretto (New York).
Weit gefehlt: Er ist mexikanischer Abstammung und wuchs in den Sixties ,auf der anderen Seite‘ der USA, nämlich in Kalifornien auf. ,Sánchez‘, das spanische ,Meier‘ oder ,Müller‘, schreibt er ohne Akzent, so wie auch Jennifer López den Nachnamen US-amerikanischen Gepflogenheiten angepasst hat.
Während sich Ponchos Schulfreunde wissentlich, willentlich den Lärmorgien von Jimi Hendrix, Frank Zappa, Deep Purple & Co. aussetzten oder gar, marihuanaschwadenumnebelt, dem leeren Technikbombast von Pink Floyd, begeisterte Poncho sich für die Welt der filigranen Latino-Perkussion, die – kostbaren – Ohren für später schonend.
Der Fall lässt an Cal Tjader denken, einen der ganz Großen des jazz latino, man denke nur an das eine Stück Mamblues. (3) Ein Weißer aus schwedisch-amerikanischem Elternhaus und zugleich der bekannteste Vibraphonist dieses Musikstils. Auch er wuchs in Kalifornien auf. Er versammelte Latino-Musiker um sich, vor allem die besten Perkussionisten – unter ihnen, por supuesto, Poncho Sanchez – und wurde, so die Wikipedia „the most successful non-Latino Latin musician“. Keine geringe Leistung, man denke nur an Konkurrenten wie Arturo ,Chico‘ O’Farrill.
Eine typisch amerikanische Geschichte: Als Cals Verkaufszahlen sanken, wurde er von der Plattenfirma zum Pionier des Asian-American jazz transformiert, und seine Stücke hießen fortan Tokyo Blues, Shina No Yoru oder Borneo.
Vorbei die Zeit, als seine Alben Titel wie Demasiado caliente trugen. Statt sich lasziv räkelnder – hübsch anzuschauender – Latinas aus Fleisch und Blut zierten jetzt feiste Bonsai-Figuren aus Jade das Cover des Albums Different Shades of Jade.
,Typically American‘, siehe oben, ist aber auch dies: Hier ergab sich aus kühner Synthese ein ganz eigenwilliges Werk (die CD besitze ich, das Vinyl-Album habe ich mir als Second-Hand-Angebot, zum Greifen nah, bei meinem letzten London-Aufenthalt Dezember 2018 entgehen lassen). Ein ganz ähnlicher Fall war die von der Plattenfirma initiierte Kombination von Charlie Parker mit der Big Band des unsterblichen Machito, eine Kooperation, von der jemand (ich bin im Augenblick zu faul, bei Google nachzuschlagen, wer) gesagt hat: it’s like an eagle flying over lava.
Trane’s Delight ist ein guter Anlass, die Boxen mal wieder von heißen Rhythmen beben zu lassen. Die CD erschien letztes Jahr, das entsprechende Doppelalbum auf Vinyl – von untadeliger Sound-Qualität, mit kräftigem Bass – wurde vor ein paar Wochen 2020 veröffentlicht.
Poncho Sanchez – Trane’s Delight, Concord Jazz, 2019/2020.
(1) Der Fairness halber sei hinzugefügt, dass er auf dem kommerziell erfolgreichsten Jazz-Album, Kind of Blue von Miles Davis, mitgespielt hat.
(2) Danke nochmal an meinen User B., der mir das Werk des großen Rolf Breuer zum Thema empfahl, der mit dem Laserschwert des kritischen Intellekts durch diesen Schwurbeldschungel gefahren ist.
(3) Soundjazz Records, London, hat vor einigen Jahren eine Vinyl-Single mit zwei Versionen dieses Klassikers veröffentlicht, eine Platte, die ich zu besonderen Okkasionen auf meinem Plattenteller kreisen lasse. Das Stück ist auch auf dem Album Demasiado Caliente.
Klassiker in die Hausapotheke!
Dass Titus Livius (*59 (?) v. Chr. in Padua, 17 (?) n. Chr. ebd.), der große römische Geschichtsschreiber (Ab Urbe Condita), durch die Jahrhunderte hinweg einen immensen Einfluss auf die europäische Literatur und Geschichte gehabt hat, ist unbestreitbar. Machiavelli, Rousseau, Shakespeare (The Rape of Lucrece, Macbeth), Lessing (Emilia Galotti) sind von ihm beeinflusst worden.
Ebenso die Gedanken- und Bilderwelt der französischen Aufklärung und Revolution; man denke etwa an das berühmte Gemälde Le Serment des Horaces, Der Schwur der Horatier (1784) von Jacques-Louis David, das sein Sujet dem ersten Buch von Ab Urbe Condita verdankt und in republikanisches Pathos taucht, indem es die Drillingsbrüder zu Idealbildern des opferbereiten citoyen stilisiert.
Und: die hohe sprachliche Schönheit und Gestaltungskraft des römischen Klassikers – aus Padua! – ist nicht nur von Hippolyte Taine gerühmt worden
Wer die Monographie Tito Livio von Ángel Sierra (Madrid 2012) öffnet, findet zu Beginn des allerersten Kapitels, das den Titel Invitación a la lectura de Livio trägt, ein weiteres, überraschendes Argument für die Livius-Lektüre: Livius lesen ist gesund!
Livio es una lectura saludable. Según cuentan, el rey D. Alfonso V de Aragón y I de Nápoles recuperó con la lectura de Livio la salud que ni la medicina ni la música habían podido devolverle; la lectura de Livio fue el único consuelo de Cola di Rienzi en la cárcel de Aviñón, manteniendo vivos sus ideales de libertad, y con el paso de los años, de la mano de Stendhal, hasta un personaje de ficción recurriría a sus reconfortantes efectos: ,Le Marquis, irrité contre le temps présent, se fit lire Tite-Live.‘
Livius ist eine gesunde Lektüre. Man erzählt, Alfons V. von Aragon (=Alfons I. von Neapel) habe durch die Livius-Lektüre seine Gesundheit wiedererlangt, die weder die Medizin noch die Musik ihm hatten zurückgeben können. Die Lektüre des Livius war der einzige Trost für Cola di Rienzi im Gefängnis zu Avignon, sie hielt seine Ideale der Freiheit am Leben, und im Laufe der Jahre sollte sogar eine literarische Gestalt die heilenden Effekte des Livius nutzen, eine Schöpfung Stendhals (in Le Rouge et le Noir): ,Le Marquis, irrité contre le temps présent, se fit lire Tite-Live.‘ – ,Der Marquis, zornig auf die Gegenwart, lies sich Titus Livius vorlesen.‘
Und so nehme der Bürger – auf den zur Zeit die Nachrichten aus der Politik nur so hereinprasseln und der das Stammeln deutscher PolitikerInnen im kopfschüttelnd-stirntippenden Modus der Dauerkonsternation verfolgt – seinen Livius zur Hand.
Jeder, dem – ähnlich wie dem Marquis aus Le Rouge et le Noir – angesichts der vielen Armleuchter in Berlin und der Bundesabkanzlerin A. M. die Zornesadern schwellen, ergötze sich stattdessen an der staatsmännischen Klugheit der weißhaarigen Senatoren, die das anfangs winzige Schiff der res publica mit sicherer Hand durch so viele drohende und reale Katastrophen steuerten: Politikern und Militärs, die selbst einem Hannibal und seinen Elefanten trotzten. (Und präzis argumentierende Reden halten konnten sie auch!) Felix Roma.
Von Thüringern, KreterInnen und dem Antlitz der Zarin …
„Merkel kritisiert die Wahl des Ministerpräsidenten in Thüringen mit Unterstützung der AFD: ,Ein schwarzer Tag für die Demokratie, das Ergebnis muss annulliert werden.'“
Besäße (=coniunctivus irrealis) Merkel einen Funken an Selbstironie, Stil, Sprachwitz, dann würde sie ob dieser Schlagzeile sogar selbst schmunzeln (was natürlich bei Merkel – und Merkels Antlitz – auf ewig ausgeschlossen ist und bleibt).
Da ist zunächst die herrliche syntaktische Doppeldeutigkeit ,mit Unterstützung der AFD‘ (in der Übersetzung wie im rumänischen Original). Die Kanzlerin sollte sich doch wohl nicht zum Unterstütztwerden durch diese Partei erdreistet haben. Vor allem nicht zu diesem politischen Anlass!
Und: Die Demokratie-Gralshüterin, die von Ganz Oben anordnet, eine demokratische Entscheidung, die Ihrer Durchlaucht nicht recht behagt, möge korrigiert (im O-Ton: ,rückgängig gemacht‘) werden – sie ist wie der Kreter, der sagt: Alle Kreter lügen.
Pardon, ich entschuldige mich bei den ,Lesenden‘ meines Blogs, bei Userinnen und Usern. Selbstverständlich muss es heißen: Die KreterIn, die da sagt: alle KreterInnen lügen.
NEUE PUBLIKATIONEN!
2019 habe ich eine ganze Reihe von Projekten verfolgt, die im neuen Jahr 2020 das Licht der Welt erblicken werden. Eine Teilmenge, vier neue Aufsätze, ist in den letzten Wochen bereits erschienen. Der Aufsatz Nimm und lies ist im Mitteilungsblatt des Altphilologen-Verbandes NRW (2/2019) publiziert worden und behandelt die Geschichte der Schrift und des Lesens in Europa. Ein weiterer Aufsatz, den ich zusammen mit dem trefflichen Fabian Weimer verfasst habe, erschien in FORVM CLASSICVM (3/2019). Wir haben uns mit einem für jede Art von Textarbeit fundamentalen Thema beschäftigt: mit der Metapher, und Fabian Weimer hat eine Unterrichtsreihe zu diesem Sujet konzipiert und erprobt. Er stellt sie in diesem Aufsatz dar. Im neuen FORVM CLASSICVM (4/2019) habe ich mich mit Francesco Petrarcas Bergtour auf den Mont Ventoux befasst. Ich zitiere die freundlichen Worte von Herrn Prof. Markus Schauer aus dem Editorial des Heftes: „Und Christoph Wurm deutet für uns Petrarcas Brief über dessen Aufstieg zum Mont Ventoux, nicht ohne tiefe historische und literarische Einblicke in Petrarcas Welt zu geben.“ Die drei genannten Aufsätze stehen auf dieser Homepage ab sofort gratis im Portfolio zum Download zur Verfügung. Auf der Homepage des Instituts für Glauben und Wissen (IGUW) ist mein Aufsatz Der früheste Hinweis auf Jesus in der antiken Literatur außerhalb des Neuen Testaments? der Textsammlung hinzugefügt worden. Auch ihn kann jeder gratis herunterladen. Ich danke Herrn Dr. Alexander Fink und Herrn Dr. Andreas Gerstacker auch an dieser Stelle noch einmal für die wissenschaftliche Kooperation. Über Leserfeedback und Fragen zu meinen Aufsätze würde ich mich freuen, gehen Sie dazu einfach zu ,Kontakt‘ hier auf meiner Seite.
Weiterer Neudruck von ,Tener la palabra – Besser Spanisch sprechen‘.
Eines der erfolgreichsten deutschen Spanischbücher ist erneut nachgedruckt worden. ,Tener la palabra‘ ist unverzichtbar für die mündliche Kommunikation in einer Vielzahl von Situationen, z.B. Bewerbungsgespräch, Diskussion oder Vortrag.
Leere in Elfenbein
Ein Leser meines Blogs wies mich freundlicherweise hin auf ein mir bis dahin unbekanntes Werk, das „Handbuch der Hochstapelei in der Literaturwissenschaft“ (IGEL Verlag 2009) des emeritierten Anglistik-Professors Rolf Breuer. Ein höchst humorvoller und bereichernder Einblick in die Literaturwissenschaft der letzten Jahre.
Breuer, etwa als Experte für die englische Romantik bekannt, liefert in seinem Buch einen alphabetischen Überblick über die Techniken, mit denen man im universitären Bereich Inhaltsarmes aufwertet, um als Fachwissenschaftler dazustehen.
In erster Linie durch ein möglichst ,komplex’ wirkendes Riesengeschwurbel, das alles Offensichtliche ,manifest’ macht, alles Wichtige ,relevant’, alles Umstrittene ,kontrovers’. Aus jedem Gespräch wird ein ,Diskurs’, und aus literarischen Gattungen werden ,Invarianzbildungsschemata’ (S.27).
Damit verbunden ist ein weiteres Ärgernis: die Auflösung des Textsinnes. Es gebe keinen objektiven Textinhalt – so die von Breuer kritisierten Geisteswissenschaftler, allen voran der legendäre Jacques Derrida – sondern nur einzelne Lesarten. Den Sinn eines Textes schaffe daher der Leser, nicht der Autor.
Die Texte in ihrer individuellen Verfasstheit (also der Gegenstand der Philologie) sind daher nicht mehr so wichtig. Breuer nennt etwa einen Experten für ,Empirische Literaturwissenschaft’, der in seinem gedehnten Schrifttum an keiner Stelle Schriftsteller oder literarische Werke erwähne (S. 17).
S. J. Schmidt ist der Name des selbsternannten Experten, seine Wirkungsstätte die Universität Siegen. Für die allermeisten ,Denker’, die Breuer erwähnt, gilt: Außerhalb der Elfenbeintürme, in denen sie hocken, kennt sie kein Mensch.
Genauso wenig wie diese edlen Pflanzstätten selber, von Siegen/Westf. bis Frankfurt an der Oder. Breuer (S. 66f.): „Studenten aller Länder, auf nach Frankfurt! Oder?“ (Dass diese Studenten, wie Breuer weiss, keine drei Bücher mehr aus eigener Lektüre kennen, versteht sich von alleine.)
Die ,literaturwissenschaftliche‘ Sichtweise ist wiederum Teil eines noch umfassenderen Anything goes, denn die Literaturwissenschaftler sehen sich ja als Teil der allgemeinen Kulturwissenschaft. Eigentlich sei alles ,soziales Konstrukt’, auch das Geschlecht, wie uns die gender studies weismachen wollen. Seit Breuers Buch 2009 erschien, mischen sich die Genderkundler, wie wir ja alle wissen, immer spürbarer in alle Lebensbereiche ein.
Bei maximaler ,Offenheit’ in alle Deutungsrichtungen und überbordender Begeisterung für Buntheit & Vielfalt sind die Literaturwissenschaftler, die ,Amateurphilosophen’ (S. 17), wie Breuer sie sarkastisch nennt, natürlich strengstens ,politisch korrekt’ (S. 60f.). In den zehn Jahren seit dem Erscheinen des Buchs hat sich diese ,Korrektheit’ immer weiter radikalisiert. Wehe dem, der Falsches meint, denn so ist das mit dem Deutungspluralismus auch wieder nicht gemeint.
Von der Annahme gesicherter biologischer Fakten, wie etwa des Einflusses der Hormone auf unser Verhalten, lässt sich die Gender-Laune nicht den Spaß verderben. Dieses Akzeptieren würde ja voraussetzen, pardon, präsupponieren, dass es so etwas wie Realität gibt, während der Poststrukturalismus uns lehrt, alles sei bloß ,Zuschreibung‘.
„Man entzieht sich – und das nicht heimlich, sondern offensiv – den harten Wissenschaftskriterien der Naturwissenschaften“ (S. 28), alle „Wirklichkeitsbereiche gelten als konstruiert und müssen daher dekonstruiert werden“ (S. 15, Artikel Dekonstruktion). Breuer zitiert (S. 51) aus der Vorstellung eines Buches eines R. W. Müller-Farguell (wer immer das auch sein mag):
„Die hier vorgebrachten Lektüren situieren sich im methodischen Moment, wo hermeneutisches Verstehen notwendig in Dekonstruktion umschlagen muss.“
Breuer: „Literatur- und Kulturwissenschaften mögen nicht den unmittelbaren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen der Physik oder Biologie haben. Dafür kennen sie aber auch nicht das Phänomen von Lug und Betrug, womit die Naturwissenschaften immer wieder einmal ins Gerede kommen. Nach den führenden französischen und amerikanischen Theoretikern der Literatur- und Kulturwissenschaften gibt es nämlich keine Wahrheit, keine Objektivität und keine Fakten.“ (S. 6)
Es gilt hinzuzufügen: wohl aber Professuren, Beamtengehälter, Beihilfe- und Pensionsansprüche.
Faust aufs Auge
Nach ein paar Stunden Lateinunterricht kennt jeder die beiden Vokabeln ,pugnare’ – ,kämpfen’ ,pugna’ – ,Kampf’, nicht jedem aber dürfte klar sein, dass diese unscheinbaren Wörter mitten in ein Kapitel europäischer Sprachgeschichte hineinführen.
,Pugnare’ stammt von ,pugnus’ (-i mask.), ,die Faust’, heißt also ursprünglich ,boxen’.
Wer ,pugnis ac calcibus’ kämpfte – im Italienischen ,con pugni e calci’ – stritt ,mit Fäusten und Hacken’: ein Kickboxer.
Von den spartanischen Jungs heißt es bei Cicero (Tusc. 5, 77), sie wehrten sich „pugnis, calcibus, unguibus, morsu denique“, „mit Fäusten, Fersen, Nägeln, ja mit Beißen“. Ein lebendiges Bild dessen, was man auf Englisch mit dem Adjektiv ,pugnacious’ benennt.
Cicero kann man auch entnehmen, dass die Römer sich nicht ins Fäustchen gelacht haben. Klammheimliche Freude lebten sie stattdessen im Bausche ihres Gewandes aus, ,in sinu gaudere’ lautet die lateinische Redewendung (vgl. etwa Tusc. 3, 51).
Auch war den Römern fremd, von etwas zu sprechen, was wie die Faust aufs Auge passt. ,Velut pugnus oculo convenire’ – das kann man zwar zusammenreimen, aber echtes Latein ist es nicht.
Zu ,pugnare’ gehört ein weiteres Wortpaar aus dem lateinischen Schulwortschatz: die Komposita ,expugnare’ – ,erobern’ und ,expugnatio’ – ,Eroberung’. ,Einbruchsichere Türen’ – das sind auf Spanisch ,puertas inexpugnables’.
Die ursprüngliche Bedeutung ,boxen’ ging auf das Verb ,pugilari’ über, und das Substantiv ,pugil’ (-is mask.) bezeichnet nicht den Kämpfer, sondern den Faustkämpfer. Es lebt noch heute im Italienischen fort. Man denke an den klassischen italienischen Witz: „Sagt der eine: Mein Lebensmotto war immer: Lieber geben als nehmen. Sagt der andere: Ich bewundere Sie, Signore, Sie sind wahrhaft human, ein Altruist. Der erste: No, veramente sono un pugile.“
Der Boxsport ist auf Spanisch ,el boxeo’, der Fußball ,el fútbol’. Die italienischen Entsprechungen dagegen stammen nicht aus dem Englischen: ,il pugilato’ und ,il calcio’. Die Ursache ist historisch. Der Duce war es, der selbsternannte Sprachpfleger Mussolini, der den Anglizismen den Kampf ansagte.
Verwandt ist ,pugnus’ mit dem Verb ,pungere’ (pungo, pupugi, punctus, -a, -um), ,stechen’. Die beiden gemeinsame Wurzel pug- bezeichnet ,un coup frappé’, einen Hieb, wie F. Martin in seinem etymologischen Standardwerk ,Les mots latins’ mitteilt. Bei ,pugnare‘ ist es – in der Urbedeutung – ein Hieb mit der bloßen Faust, bei ,pungere’ umschließt sie einen Stichel, etwa einen Dolch.
Aus ,punctum’ (=das Gestochene) stammen zahlreiche deutsche Wörter, zum Beispiel der ,Punkt’, das Adjektiv ,pünktlich’ (also ,punktgenau’) oder die ,Akupunktur’ (=,Stechen mit der Nadel’).
,Der Stichel’, ,die Spitze’ ist in den romanischen Sprachen weiblich (,la punta’ im Italienischen und Spanischen, ,la pointe’ im Französischen), das Ergebnis, nämlich der ausgestanzte Punkt, männlich (,il/el punto’, ,le point’).
Die Metapher des Zeitpunkts haben schon die Römer verwendet. Caesar etwa schreibt bei seiner Schilderung der Belagerung Marseilles an einer Stelle (Bell. Civ. II, 14,4): „Ita multorum mensum labor hostium perfidiā et vi tempestatis puncto temporis periit.“ – „So ging die Arbeit vieler Monate durch die Hinterhältigkeit der Feinde und die Sturmböen im Handumdrehen verloren.“
Der ,springende Punkt’ dagegen, das ,punctum saliens’, als Bezeichnung für den Kern einer Sache, ist eine Übersetzung des griechischen στιγμὴ αἱματική. So bezeichnet Aristoteles das Herz des werdenden Vogels, das als erstes im Ei hin- und her springe.
,Pungere’ hat auch im Englischen zahlreiche Spuren hinterlassen, etwa das Verb ,to punch’ für ,schlagen’ (die ,punch-clock’ etwa ist die ,Stechuhr’). Desweiteren: das Substantiv ,point’, das Verb ,to point (at s.th.)’ und das Adjektiv ,pointed’ (spitz zulaufend, etwa in ,pointed beard’=,Spitzbart).
Einem anderen Adjektiv, ,pungent’, sieht man seine Verwandtschaft mit dem lateinischen Infinitiv ,pungere’ sofort an. Es bezeichnet einen stechenden Geruch oder einen beißenden Kommentar, ,a pungent remark’.
Von ,pugnare’ dagegen kommt dagegen das Adjektiv ,repugnant’ für ,abstoßend’, das auch auf Italienisch (ri-), Spanisch und Französisch existiert und dieselbe Bedeutung hat. Das Rumänische verwendet dagegen eine andere Ableitung aus dem Lateinischen, ,respingător‘.
Manchen Französischlerner mag verwundern, dass ein- und dasselbe Substantiv, ,la poignée’, so viele verschieden Bedeutungen hat: ,Griff’, ,Schaft’, ,Handvoll, Schar’, ,Händedruck’, ,Joystick’ – aber alle diese Verwendungen sind zurückzuführen auf eine einzige Grundbedeutung: das, was die Faust, le poign (il pugno, el puño), umschließt.
Pech hat in Italien der, dessen Faust nichts umschließt außer Fliegen: ,un pugno di mosche‘ haben heißt ,leer ausgehen’.
Von den ,poignées d’amour’ soll hier besser nicht die Rede sein …
Zitate der Woche
(1) Die Weisheit Draculas
Zitat von Bela Lugoși (1882 – 1956, geboren in Lugoj, Rumänien). Er spielte als erster in Hollywood einen rumänischen Landsmann: Graf Dracula.
În crearea teoriilor, păstrează întotdeauna o fereastră deschisă, pentru a putea arunca una dacă este necesar.
Beim Aufstellen von Theorien halte stets ein Fenster offen, um, wenn nötig, eine rauszuschmeißen.
(2) So könnte die nächste Merkelrede beginnen:
Zitat aus Jean-Jacques Rousseau, ,Discours sur l‘origine et les fondements de l‘inégalité parmi les hommes‘:
Commençons donc par écarter tous les faits, car ils ne touchent point à la question.
Erneut und nochmal
Dass man die eigene Sprache am genauesten kennenlernt, wenn man sich mit Fremdsprachen beschäftigt, ist eine Binsenweisheit. Erst durch den Kontrast wird das scheinbar Selbstverständliche ja zur Besonderheit, konturieren sich reliefartig Charakteristika der Muttersprache und der Fremdsprache. Das Folgende ist, denke ich, ein gutes Beispiel.
Eines der häufigsten lateinischen Präfixe ist RE- [rĕ], vor Vokal RED- [rĕd], für ,zurück’ sowie für ,wieder’, ,erneut’. Es hat sich nicht nur in den romanischen Sprachen erhalten, sondern ist auch ins Deutsche und Englische eingedrungen.
Während man nun im Deutschen und Englischen jedes Verb mit den Adverbien ,wieder’/,again’ kombinieren kann, ist der Gebrauch des Präfixes RE- zur Bezeichnung der Wiederholung auf bestimmte Verben beschränkt. Man kann sagen: ,to rethink something’, aber nicht: *,to resay something’ oder *,to reask something’.
Ein Blick auf das Lateinische, Französische und Spanische zeigt, dass dort RE- viel häufiger ist, dass man aber auch in diesen Sprachen nicht einfach RE- vor jedes beliebige Verb setzen kann, um die Wiederholung zu bezeichnen.
So kann man etwa auf Französisch problemlos ,recommencer’ für ,wieder anfangen’ sagen, im Spanischen dagegen ist ,recomenzar’ (für ,volver a comenzar’) weitaus seltener.
,Revidere’ für ,wiedersehen’, wie in ,Au revoir!’ oder ,Arrivederci!“, ist im Lateinischen unüblich, weder Caesar noch Cicero benutzen das Verb.
Für „wenn er nach Hause zurückkommt“ kann man auf Französisch „quand il revient chez lui “ sagen, für ein spanisches „cuando *reviene a casa“ findet sich dagegen im ganzen Internet kein einziger Beleg, man sagt „cuando vuelve a casa“.
Anders im Italienischen. Im Sinne von ,wieder’ kann man ,RI–’ vor jedes Vollverb setzen:
„Ho rimesso il libro sul tavolo.“ „Ich habe das Buch wieder auf den Tisch gelegt.“
„Giovanni ha rivinto.“ „Hans hat wieder gewonnen.“
„Questo mi ristupisce ogni volta.“ „Das erstaunt mich jedesmal wieder.“
Das gilt auch für die beiden Verben ,nascere’, ,leben’ und ,morire’ ,sterben’. Überschrift eines Zeitungsartikels aus Rom:
„Rinasce e rimuore in pochi mesi il giardino di via Pirzio Biroli.“ – „Der kleine Park in der Via Pirzio Biroli wird zum Leben erweckt und stirbt dann wieder, beides im Laufe weniger Monate.“
Man kann RI- sogar doppeln (außer vor re-), die sprachliche Repeat-Taste also zweimal drücken:
„Mi sono ririsvegliata alle 11.“ „Ich bin um elf Uhr erneut wiederaufgewacht.“
„Ho ririfatto colazione.“ „Ich habe zum dritten Mal gefrühstückt.“
„Giovanni ha ririvinto.“ „Hans hat erneut wieder gewonnen.“
„Mi riricandido e voi mi ririeleggete.“ – „Ich kandidiere zum dritten Mal, und ihr wählt mich zum dritten Mal.
Das passt lautlich natürlich hervorragend zum emphatischen Sprechduktus des Italienischen:
„L’ho letto, l’ho riletto, l’ho ririletto!“ – „Ich hab’s gelesen, nochmal gelesen, wieder gelesen!“
Wer die Dopplungen für merkwürdig hält, sollte bedenken, dass es auch im Deutschen Parallelen gibt, zum Beispiel ,vorgestern’ und ,vorvorgestern’, ,Vorgänger’ und ,Vorvorgänger’, ,Urgroßvater’, ,Ururgroßvater’, und ,Urururgroßvater’.
Ein ähnliches sprachliches Allheilmittel wie das Präfix RI- gibt es im Deutschen auch, nämlich ,weiter’, das mit jedem Verb, transitiv oder intransitiv, Zustands- oder Handlungsverb, zu einem neuen kombiniert werden kann (indem man es vor den Infinitiv setzt), nicht um die Wiederholung, sondern um die Fortdauer anzuzeigen.
Und auch was RE-/RI- für ,wieder’ betrifft, so verhält sich das Deutsche nicht so anders, wie man meinen könnte. Im Bereich der in den Wissenschaftssprachen gebräuchlichen Verben griechischen und lateinischen Ursprungs nämlich.
Das Deutsche bietet ja große Freiheit der Zusammenfügung unterschiedlicher Elemente zu neuen Wörtern. Nichts spricht prinzipiell dagegen, im akademischen Wortgebrauch neben gebräuchlichen Kombinationen wie ,reanimieren’, ,reformieren’ oder ,refinanzieren’ auch weitere zu benutzen, etwa ,reinstitutionalisieren’, ,reintegrieren’, ,retransformieren’, ,rediversifizieren’, ,rekanalisieren’, ,revariieren’ ,resynthetisieren‘.
Die Dopplung ist allerdings meist nicht möglich, es würde etwa merkwürdig klingen, zu sagen *,rereformieren’. Und doch: Spräche etwas dagegen, in einem medizinischen Kontext von Re-Reanimationsversuchen zu sprechen?
Selbstgeschaffene RE- oder sogar RE-RE-Kombinationen bieten sich natürlich für alle jene Sumpfgebiete der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften an, wo es Brauch ist, gedanklich Dürftiges durch exzessiven Fremdwortgebrauch aufzuwerten, das Matte wenigstens verbal aufzupolieren.
Vor allem also bei den üblichen Verdächtigen: Sozialwissenschaft, Politikwissenschaft, Pädagogik. Es böte sich dort vielleicht an, schon Erstsemester auf diese Möglichkeit der Wortbildung hinzuweisen, Pardon: auf diese lexikalische Formations-Option.