Zitat der Woche, 19. Juni 2018

„Crisi è quel momento in cui il vecchio muore e il nuovo stenta a nascere.“ (Antonio Gramsci, 1891 –1937)

“Die Krise ist der Augenblick, in dem das Alte stirbt und das Neue Mühe hat zu entstehen.“

Geist und Schrei

Im achten Jahrhundert vor Christus übernehmen die Griechen die Schrift von den Phöniziern – aber sie ergänzen die Konsonantenschrift durch die Vokale und formen so das griechischen Alphabet.

Eine kühne Veränderung, das ist jedoch nicht alles; Joachim Latacz schreibt in seinem großen Homer-Buch*:

„Die Literalität des Abendlandes hätte einen anderen Verlauf genommen, hätten die Griechen damals [=bei der Übernahme des Alphabets von den Phöniziern] im gleichen Geist gehandelt wie später ihre etruskischen, römischen und mittelalterlichen Nachfolger: diese alle übernahmen von ihren jeweiligen Lehrmeistern zusammen mit der Schrift auch die Literatur (und eben dadurch ist die einheitliche Literatur von Homer bis zur Literatur der Gegenwart ermöglicht worden). Die Griechen als einzige entschieden damals anders. Sie lösten das Instrument von den Produkten ab und nutzten es zur Schaffung einer eigenen Literatur. Die Werke, die sie an den Anfang des auf diese Weise neubegründeten Literalitätsstrangs stellten, waren nicht Fremdimporte, sondern Schöpfungen des eigenen Geistes: Ilias und Odyssee.“

Mit den beiden ersten europäischen Großtexten, Ilias und Odyssee, beginnt nicht nur die Dichtung der westlichen Welt, sondern die Textualität. Hellenische Geistesblitze findet auf Schritt und Tritt, wer sich mit der Kultur der Griechen befasst. (Ich habe mich hier auf diesem Blog schon einmal mit diesem Thema befasst, am 3. Mai unter dem Titel „Von Göttern und anderen Spitzbuben“.) Man hat diese exorbitanten geistigen Leistungen in früheren Zeiten schlicht damit erklärt, die Griechen seien offenbar ein überdurchschnittlich intelligentes, besonders kreatives Volk gewesen. Über einen Dozenten, der sich an einer deutschen Universität der Jetztzeit so äußerte, würde ein Riesen-Shitstorm hereinbrechen.

,Buntheit‘ und Toleranz verfechtende ,Studierende’ würden statt zu studieren seine Vorlesung sprengen. Danach würde die Universitätsleitung sich bei ihnen (natürlich nicht: bei dem Sprecher) entschuldigen und ihnen für ihr couragiertes Handeln danken; der Dozent wäre in Acht und Bann. Warum? Weil wer die Griechen besonders intelligent nennt, Intelligenzunterschiede zwischen Völkern zulässt, das aber ist ,rassistisch’.

Nach dem Verhallen dieses ,Aufschreis’ aber wäre nicht der kleinste Schritt zur  Widerlegung der Ausgangshypothese getan. Im Gegenteil: Sollten jene Gruppen von ,Studierenden’, die an unseren Universitäten den politisch korrekten Ton angeben, wirklich zu Deutschlands geistiger Vorhut zählen, so spräche das für die Existenz solcher Unterschiede, ja es wäre ein recht eindeutiger Indikator dafür, dass wir Deutschen zu den Unter(st)belichteten gehören (es gäbe da noch ein paar weitere Belege…).

Als vor ein paar Wochen ,Studierende’ der Universität Köln sich bei der Hochschulleitung darüber beschwerten, dass auf dem Universitätsgelände tätige Bauarbeiter T-Shirts der Marke Thor Steinar trugen, wurde den BeschwerdeführerInnen nicht etwa wegen erwiesener Blödheit umgehend die Zwangsexmatrikulation zugestellt.

Nein, an die BauarbeiterInnen erging die Anweisung, sich gefälligst anders zu gewanden! Man vergleiche dazu den wohlwollenden Artikel in der ,Welt’ vom 14. 5. 2018 („Uni Köln verbietet Bauarbeitern das Tragen von Thor-Steinar-Shirts“), der auf der Webseite unter das Stichwort ,Neutralitätsgebot’ gestellt ist; bei Springers (A. Merkels) Flaggschiff ist Borniertheit offenbar nicht hinreichende Bedingung für den Rauswurf, sondern notwendige Bedingung für die Anstellung.

„Der AStA machte den Vorgang vergangene Woche auf seiner Facebook-Seite öffentlich und rief dazu auf, die Augen offenzuhalten. ,Falls es dennoch zu weiteren Fällen kommen sollte, wäre es sehr hilfreich, wenn bei Meldungen der genaue Standort (das Gebäude, an dem gearbeitet wird) und der genaue Zeitpunkt genannt wird’, schrieb das Studierendengremium in dem Eintrag mit der Überschrift ,Gegen rechte Kleidung an der Uni.’“

,Rechte Kleidung‘? Frage: Zählen dazu auch Klamotten des legendären Herrenmoden-Ladens Braun in Hamburg?

Schritte dieselbe Kölner Hochschulleitung gegen irgendein ,Antifa’- oder Dschihad-T-Shirt ein, es erhöbe sich ein Aufschrei wie Donnerhall, und zwar aus denselben Kehlen wie zuvor gegen die Bauarbeiter. Der Shitstorm ist eben seinem Wesen nach kein stream of arguments, sondern ein storm of shit.

 

* Homer – Der erste Dichter des Abendlandes, 2., durchgesehene Aufl., München und Zürich (Artemis) 1989, S. 29

Vom Glanz zum Knast

 

Georg Philipp Harsdörffer (1607 – 1658):

 

Sprachen.

 

Die Ebreische Sprache.         

Jch bin deß Höchsten Sprach / mein dunkle Wunderart /

Hat die Geheimnissen seins Willens offenbart.

 

Die Teutsche Sprache

Mein rein und reiches Wort / mein schikliches Vermögen /

Kan andrer Zungen Zier mit Ehre niderlegen.

 

Die Niederländische Sprache.

Mich schmuket mein Poet / daß ich mit reichem Pracht /

Zu gleichen nun beginn / meins Volkes grosser Macht.

 

Die Griechische Sprache.

Die Kunst und Wissenschaft hab erstlich ich erfunden:

Mir ist der Musen Schaar verpflichtet und verbunden.

 

Die Lateinische Sprache.

Rom ist mein Vaterland / da bin ich reich gewesen /

Vnd nun von dar verjagt / im Teutschenland genesen.

 

Die Welsche Sprache.

Der Goth hat mich erzeugt mit Schmertzen / Angst und Plag /

Deßwegen meine Schön’ der Mutter ahmet nach.

 

Die Frantzösische Sprache

Mein Freund- und Lieblichkeit der Fremde liebt und ehrt /

Jn dem er mich erbuhlt / so ist sein Gelt verzehrt.

 

Die Spanische Sprache.

Jch hab ein andre Welt nunmehr genommen ein /

Die ich beherrschen soll / weil diese mir zu klein.

 

Die Englische Sprache.

Jch bin von Teutscher Art / und hab genommen zu /

An Kunst und Zierlichkeit / nun mangelt mir die Ruh.

 

Die Sclavonische Sprache.

Jch bin die letzte nicht an Ehren und Verstand /

Weil meines Munds Gewerb durchwandert grosse Land.

 

 

Aus:                      Spielreimen.

     Dergleichen Bey Außübung der Gesprächspiele /

 Zu Widerlösung der Pfande / Beliebet werden mögen.

 

 

Text nach: Epochen der deutschen Lyrik Band 4, 1600 – 1700. Nach den Erstdrucken in zeitlicher Folge hrsg. von Christian Wagenknecht, 2. verbesserte Auflage, München (dtv) 1976, S. 146

 

Diese Reime las ich in der angegebenen dtv-Anthologie, dem vierten Band einer zehnteiligen Sammlung deutscher Gedichte. Die Ausgabe enthält kaum Erläuterungen; hier mein eigener – natürlich nicht professionell germanistischer – Kommentar.

Die schlichten Verse sind als Rätselaufgaben für Rate- und Pfänderspiele gedacht. Sie stellen ein Auswahl europäischer Sprachen vor, zuallererst jedoch das Hebräische. Die jeweilige Sprache wird in ihrer Eigenart charakterisiert, etwa das Deutsche, oder sie steht metonymisch für die in ihr geschriebene Literatur, so das Griechische, oder ihr Geltungsbereich wird thematisiert, so der des Spanischen.

Warum werden zuerst Hebräisch und Deutsch genannt? Zum einen aufgrund ihrer Bedeutung für den Autor, weil so der Sprache Gottes im Alten Testament die eigene Muttersprache folgt. Außerdem war Harsdörffer – Dichter, Übersetzer, Sprachwissenschaftler – der Überzeugung, das Deutsche stamme unmittelbar vom Hebräischen ab.

Er nennt das Deutsche „rein und reich“, also von Fremdeinflüssen frei und ausdrucksstark. Harsdörffer richtete sich Zeit seines Lebens gegen die Übernahme von Fremdwörtern und trug das Seine zu ihrer Eindeutschung bei. Ein zentraler Begriff ist hier ,schicklich’. Das „schickliche Vermögen“ der deutschen Sprache, also ihre Eignung, Gegenstände sowohl anschaulich als auch exakt zu bezeichnen, zieht er der Schönheit (der ,Zier’) anderer Sprachen vor. Die Ausdruckskraft (das ,Vermögen’) des Deutschen kann deren Schönheit ,niederlegen’ (im älteren Sprachgebrauch für: besiegen).

Es folgt das Niederländische. Die Sprache der Seemacht wird durch ihren Poeten prachtvoll geschmückt (,Pracht‘ ist hier noch als Maskulinum verwendet). Der Dichtername darf natürlich im Ratespiel nicht genannt werden. Wer ist gemeint, der große Dichter und Dramatiker Joost van den Vondel (1787 – 1679)? Es ist auch möglich, dass der Poet kollektiver Singular sein soll, dass also die niederländische Dichtkunst allgemein gemeint ist.

Das nächste Rätsel ist leicht zu lösen. Hellas ist Wiege des Abendlandes, das Griechische Ursprache der europäischen Kultur, die in dieser Sprache, so Harsdörffers Pleonasmus, „erstlich erfunden“ wurde. Die neun Mοῦσαι, die Schutzgöttinnen der Künste und Wissenschaften, Töchter des Zeus und der Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung, sind daher dem Griechischen als ihrem Herold zu Dank verpflichtet.

Das Lateinische ist aus Italien verschwunden, durch das ,Welsche’, das Italienische, verdrängt, lebt aber als das Neolatein der Gelehrten in Deutschland weiter. Natürlich nicht nur dort, aber, das will jedenfalls Harsdörffer ausdrücken, vor allem in Deutschland. Goten fielen in der Völkerwanderung plündernd in Italien ein, eroberten es, und die Sprache der Goten verband sich mit dem Lateinischen zum Italienischen, ein Vorgang, den Harsdörffer als Vergewaltigung metaphorisiert. Das Lateinische lebt nicht mehr, aber das Italienische bewahrt die Schönheit seiner ,Mutter’.

Das Toskanische musste sich im italienischen Sprachenstreit mühsam gegen das Lateinische als Sprache von Dichtung und Wissenschaft durchsetzen. Einer der Gründe, die die Humanisten für das Lateinische ins Feld führten, war die angebliche Verschandelung der Sprache durch das Gotische; bei Harsdörffer ist davon keine Rede: die Schönheit des Lateinischen ist im Italienischen gegenwärtig.

Ein boshafter Hieb gilt dem Französischen. Es ist zwar oberflächlich schön, aber die geistigen Inhalte, die es vermittelt, sagen Harsdörffer nicht zu. Er vergleicht es mit einem Luder, das den Freier um sein Geld prellt. Wer Französisch lernt, so lautet das Pauschalurteil, wird am Ende enttäuscht, steht mit leeren Händen da. Bemerkenswert ist, dass der Dichter voraussetzt, dass seine Beschreibung ein eindeutiger clue für das Erraten ist.

Bei der Charakteristik des Spanischen dagegen steht die Macht der spanischen Krone im Vordergrund, zur Zeit Harsdörffers – unter Philipp III. und Philipp IV. – längst im Absteigen begriffen. Das Kastilische wurde doppelte Weltsprache, die der Alten Welt und die des Nuevo Mundo.

Das Englische ist „von Teutscher Art“, eine Tochter des Deutschen. Die Sprache hat sich von ihren altenglischen Anfängen bis zu den Tagen Harsdörffers, dem 17. Jahrhundert, entwickelt und verfeinert: Sie ist an „Kunst und Zierlichkeit“, also an Ausdrucksfähigkeit und an Differenziertheit, gewachsen. Sie hat darüber aber die ,Ruhe‘ eingebüßt. Eine dunkle Stelle diese Rätselverses. Unmöglich kann die Satzmelodie gemeint sein, die ja im Englischen ausgeglichener ist als im Deutschen. Etwa die Sprechgeschwindigkeit?

Sie ist im Durchschnitt nicht höher als im Deutschen. Allerdings ermöglichen es die Bindungen, die mehrere Wörter zu einer einzigen Ausspracheinheit verschmelzen, dem der will, gewissermaßen „ohne Komma, ohne Pause“ zu sprechen. Dass jedoch schnelles, temperamentvolles Sprechen typisch für die Engländer ist, wäre mir neu; die beiden Begriffe ,Temperament’ und ,Engländer’ bilden keine übliche assoziative Einheit. Die Stelle bleibt (für mich) also kryptisch.

Das Slowenische, „die sclavonische Sprache“, das Harsdörffer ausdrücklich mit einem last but not least würdigt, ist die Sprache fern ihrer Heimat anzutreffender Gewerbetreibender, also Handwerker und Händler. „Meines Munds Gewerb“ („meines Munds“ ist offensichtlich vorangestellter genitivus qualitatis) steht für „Gewerbetreibende, die sich meiner bedienen“.

Harsdörffers Herz schlägt natürlich für das Deutsche. Der von ihm gerühmten Anschaulichkeit, Verständlichkeit, Exaktheit seiner Muttersprache setzen die anderen Sprachen in diesen Versen nichts Gleichwertiges entgegen.

Ein Blick in die Zeitung, Pardon, aufs Smartphone zeigt, dass von diesem Glanz nicht allzu viel geblieben ist. Es fehlen Streiter für das Deutsche vom Formate Harsdörffers.

Die Germanistik unserer Tage ‚problematisiert’ pflichtgemäß alle Sprach- und Stilnormen, sie lehnt Sprachpflege ab. Die Kritik an grammatikalischem Schlendrian, an ,Kiezdeutsch’ oder am Kollaps der Orthographie weisen die Problematisierer entrüstet als Eingriff in den natürlichen Fluss der Sprache zurück, ja als Deutschtümelei. Und natürlich streiten dieselben Beliebigkeitsgermanisten in vorderster Linie, wenn es gilt, Zäune sprachpolitischer ,Korrektheit’, also des Genderwahns, der Nichtdiskriminierung und dergleichen mehr, zu errichten. Ihr ,progressives’ Walten und Wirken exekutieren sie selbstverständlich teutonisch beflissen und ironiefern. Dass Zäune nicht nur ein-, sondern auch ausgrenzen (das Schreckenswort!) – in diesem Fall diejenigen, die nicht bereit sind, sich ihre Sprache und ihr Denken von anderen reglementieren zu lassen – ist den progressiven Streitern gleichgültig.

Und so wird ,man’ zu ,frau’, Lehrer werden ,Lehrkräfte’, aus Studenten werden ,Studierende’, aus Migranten Flüchtlinge, aus Flüchtlingen ,Flüchtende’, aus ,Flüchtenden’ SozialhilfeempfängerInnen.

Die/der/* ,Sprechende’, die/der/* sich folgsam den Regeln dieses politisch korrekten Sprachknasts fügt, darf sich ansonsten ungeniert so äußern wie ihr/ihm/*  der Schnabel gewachsen ist (und dabei noch jeden duzen).

True friends, false friends

A visitor to my blog has suggested the topic of ‘false friends’ to me, adding that she would like me to present it unterhaltsam (in an entertaining way). OK, so here goes.

Every foreign language student is familiar with the term ‘false friend’, which is used to refer to any word in a given language which sounds just like a word in another one but has a completely different meaning. These false friends treacherously strive to lure us into saying things we never intended to. In some cases the effect may be hilarious, in others dangerous, potentially disastrous.

German learners sooner or later discover that the two verbs ‘to become’ and ‘bekommen’ have different meanings, although they are derived from the same Germanic root. ‘Bekommen’ is ‘to receive’ in English. They will also find out that if  you’re expected at ‘half eight’, you’re expected at 8.30, not an hour earlier, since ‘half eight’ is short for ‘half past eight’.

There is, however, a subgroup of these ‘false friends’ formed by words that are especially insidious because they denote the opposite of a particular word or expression in one’s own language. Every German learner of Italian (or vice versa) knows that the pair ‘caldo’ – ‘kalt’ is a good example. ‘Caldo’ (Latin: ‘calidus’) is ‘hot’, ‘kalt’ (Latin: ‘gelidus’) is ‘cold‘ in English.

Other examples of dangerous adjectives: German ‘brav’ is an adjective that serves to describe children or pets as well-behaved or docile. Spanish ‘bravo’ is the exact opposite. If “Juan tiene un perro bravo“, he has got a dog that is wild; a ‘toro bravo’ is an untamed bull; a ‘costa brava‘ is a ‘rugged coast‘. The English adjective ‘feisty‘ means ‘strong’, ‘dynamic’, ‘resolute’. If a German is ‘feist’, they are fat and immobile. (The diphthong [aɪ] is the same in the two words.)

If something is ‘pathetisch’, it is exaggerated, declamatory, a mere exercise in rhetoric. In Spanish, by contrast, ‘patético’ means something like ‘deeply felt and, therefore, deeply moving’: ”Me emocionó su patética mirada’“: “I was moved by the heart-rending look in his/her eyes.“ French ‘pathétique’ has a similar meaning: “Qui émeut fortement“ (Larousse). Spanish newspaper El País (17 Oct 2012) about singer Maria Callas: “No era la voz más bella, ni la más potente, pero sí la más estimada. Eso solo pasa con los mitos. María Callas fue ‘la voz más patética’, la que supo sacar la mayor expresividad a las notas.“

Spanish learners of Italian (or vice versa) must be careful to note the difference between ‘salire’ and ‘salir’. Italian ‘salire’ is ‘to climb’. It is, for example, used to indicate where to get on a bus. Spanish ‘salir’ is ‘to leave’, ‘to depart’, ‘to get out/ to get off’.

If an Italian friend cheerfully tells you he’s on his way to the ‘casa di tolleranza‘, you might admire his ethics, without exactly knowing what he’s on about. In fact a ‘casa di tolleranza‘ is a brothel – a place which welcomes both tolerant and intolerant customers as long as they pay the accurate price.

Similarly, a native speaker of English who expects a present when coming across the German word ‘Gift’ is in for a nasty surprise, since the English word for ‘Gift’ is ‘poison’.

Sometimes similar semantic problems arise in one and the same language.

In Britain, ‘to table something’ means to present something for discussion: “The question was tabled in Parliament.“ If an idea or proposal is tabled in the US, it is not presented for discussion but left to be discussed at a later date.

Learners of classical Greek tend to be baffled by the verb εἴργω, which can mean both ‘to include’ and ‘to exclude’, depending on the context. “σάκκεσι ἔρχατο“ (Homer, Ilias): does that mean “they were enclosed by [the enemies’] shields“ or “they were kept away by the shields“?

A curiosity: ‘if not’. “John: I’m a good tennis player, if not a great one.“ Is he a great tennis player or isn’t he? – “A great novel, if not the greatest, by this author.“ Is it definitely not the greatest or is it (perhaps) the greatest?

It is best to paraphrase sentences like these. “A great novel, though not (German: ‘wenn auch nicht’) the greatest by the author“ or “a great novel, perhaps (German: ‘wenn nicht sogar’) the greatest by this author.“

Finally, don’t forget: ‘False friends’ are a problem, but bad friends are a curse.

 

Leserzuschrift – Nachtrag zu meinem Eintrag vom 3. 5. 2018 (,Von Göttern und anderen Spitzbuben‘)

Ein freundlicher Leser meines Blogs hat mich auf folgendes Zitat von Spinoza aufmerksam gemacht, das das Fortwirken des Xenophanes illustriert:

„(…), denn ich glaube, wenn ein Dreieck nur reden könnte, würde es geradso sprechen, Gott sei eminent dreieckig, und ein Kreis, die göttliche Natur sei im eminenten Sinne kreisförmig (…)“ (Spinoza in einem Brief an Hugo Boxel im Herbst 1674; zitiert nach „Die Ethik – Schriften und Briefe“, Alfred Kröner Verlag 1976, S. 333)

Der Leser fügt zurecht hinzu: „So originell war Feuerbach also nicht!“

Im Pantheon mit Don Quijote oder: Bekanntsein um jeden Preis

Unter den unzähligen merkwürdigen Geschichten, die das Meisterwerk des Cervantes so lesenswert machen, ist auch die folgende, die der hochedle Ritter seinem Knappen erzählt:

„Der Kaiser Karl V. wollte [in Rom] jenen berühmten Rundtempel besichtigen, der in der Antike Pantheon, Tempel Aller Götter, hieß und jetzt, mit besserem Namen, die Kirche Aller Heiligen. Es handelt sich um das vollständigste Gebäude, das von denen, die während der heidnischen Zeit errichtet wurden, geblieben ist, und es ist dasjenige, das am meisten den Ruhm der Erhabenheit und der Großzügigkeit seiner Erbauer bewahrt.

Es hat die Form einer Apfelsinenhälfte und ist äußerst groß und sehr hell, ohne dass aus einer anderen Richtung Licht einträte als aus einem einzigen Fenster, besser gesagt einer runden Öffnung ganz oben. Von ihr aus betrachtete der Kaiser das Gebäude, und an seiner Seite war ein römischer Ritter und erklärte ihm die Vorzüge und Feinheiten jenes gewaltigen Baus, jener merkwürdigen Architektur.

(Das Foto stammt aus Eckart Peterich, Rom. Ein Führer. München 1990, S. 329)

Nachdem sie die Öffnung verlassen hatten, sagte er zum Kaiser: ,Tausendmal kam mir, Heilige Majestät, das Verlangen, Eure Majestät zu umarmen und mich zusammen mit Ihnen nach unten zu stürzen, um mir so ewiges Andenken auf der ganzen Welt zu verschaffen [por dejar de mí fama eterna en el mundo].’ ,Ich danke Euch,’ lautete die Antwort des Kaisers, dass Ihr eine so schlimme Absicht nicht in die Tat umgesetzt habt. Von nun an werde ich Euch keine Gelegenheit mehr bieten, einen Beweis Eurer Loyalität abzulegen, und so befehle ich Euch, mich nie wieder anzusprechen, noch irgendwo zu sein, wo ich mich aufhalte.’ Und nach diesen Worten machte er ihm ein großes Ehrengeschenk.“

(II, 8. Übersetzt nach der Ausgabe von M. de Riquer, Barcelona 1968, S. 592f.)

Ich musste bei der Lektüre an die Bluttat von Münster denken, wo jemand viele Unschuldige verletzte oder mit sich in den Tod riss: Welche Gedanken auch immer diesem (Selbst-)Mörder durch den Kopf gingen, einer war jedenfalls der an das Aufsehen, das er erregen würde, an die Schlagzeilen.

Thema der von Cervantes erfundenen Anekdote über Karl V. (1500 – 1558) ist nicht die Sucht nach Ruhm, die cupiditas gloriae, wie Plutarch sie Julius Cäsar bescheinigt, sondern nach bloßer Bekanntheit. Deshalb spricht der römische Ritter auch nicht von ,gloria eterna’, sondern von ,fama eterna’, die er nicht für eine Tat, sondern für eine Untat geerntet hätte – wäre er seinem Impuls gefolgt. Don Quijote erwähnt einen vergleichbaren Fall, dieses Mal ein reales Ereignis aus der Antike, nämlich die Untat des Herostrat.

Herostrat (Ἡρόστρατος), ein Bürger von Ephesos, steckte 356 v. Chr. den dortigen Tempel der Artemis an – eins der Sieben Weltwunder –, um seinen Namen zu verewigen, wie er nachher auf der Folter gestand. Er, ein Niemand, zum kleinsten kreativen Akt unfähig, beging den der maximalen Zerstörung. Was nun geschah, berichtet Aulus Gellius in seinen Noctes Atticae (Buch II, Kap. 6): Die kleinasiatischen Griechen hielten eine Nationalversammlung ab, auf der sie beschlossen, nie dürfe jemand den Namen des Frevlers nennen. Gellius führt den Vorfall an, um den Begriff ,inlaudatus’ zu erläutern. Ein ,inlaudatus’ ist jemand, der es nicht verdient, genannt zu werden, er ist weder der Erwähnung noch der Erinnerung würdig: „neque mentione aut memoria ulla dignus“.

Trotz dieses Beschlusses überlieferte der zeitgenössische Historiker Theopompos von Chios den Namen des Herostrat und verhalf ihm so ans Ziel. Sir William Smith bringt es im Dictionary of Greek and Roman Biography and Mythology auf den Punkt: „Theopompos embalmed him in his history, like a fly in amber“.

Der Drang nach allgemeiner Bekanntheit oder oberflächlicher Popularität blieb nicht auf frühere Zeiten beschränkt. Das braucht dem Fernsehzuschauer oder YouTube-Nutzer keiner zu erklären. Auch nicht: dass dieser Drang stärker sein kann als Anstand und Scham, die bei dem römischen Ritter die Oberhand behielten. Der Menschenschlag, der Bekanntheit sucht, findet sich heute wie damals; er tobt sich zumeist in Politik und Unterhaltung aus.

Man denke an boshafte Proletkomiker wie S. Raab und J. Böhmermann, den Sprecher des Dezernats ,Humor’ beim GEZ-Meinungssender ZDF. Statt ihr Brot ehrlich zu erwerben, füllen sie ein paar Jahre lang den Bildschirm mit ihren Visagen, bevor sie schließlich samt ihren Unappetitlichkeiten wieder ,von der Bildfläche’ in den Orkus verschwinden – finanziell allerdings deutlich besser gestellt als zuvor. Weitere Exempel: Schrägstimmige Sänger(innen) setzen sich den Kommentaren eines D. Bohlen aus, andere Ruhmgierige suhlen sich derweil im Spinnen- und Schlangenmorast des Dschungelcamps.

Ihr Traum heißt Ruhm plus Geld ohne Leistung, und das am besten möglichst lange. Dieses Phänomen der instant celebrity ist im angelsächsischen Sprachraum bereits in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit aller Klarheit beschrieben worden.

1966 nannte die britische Rockgruppe The Troggs ihr erstes Album ,Aus dem Nichts’ (From Nowhere). Ein anderer Sixties-Star, das Model Twiggy, die Spindeldürre, war immerhin schlau genug, auf dem Höhepunkt des ,Ruhms’ zu begreifen: „I may not be around here for another six months.“

Von Göttern und anderen Spitzbuben

πάντα θεοῖσ‘ ἀνέθηκαν Ὅμηρός θ‘ Ἡσίοδός τε,

Alles haben Homer und Hesiod den Göttern angehängt,

ὅσσα παρ‘ ἀνθρώποισιν ὀνείδεα καὶ ψόγος ἐστίν,

was bei den Menschen Schimpf und Schande bringt:

κλέπτειν μοιχεύειν τε καὶ ἀλλήλους ἀπατεύειν.

Stehlen, Ehebrechen und einander Hereinlegen. 

Diese griechischen Verse sind mir schon lange geläufig, erst neulich aber habe ich mir die Mühe gemacht, mich näher mit ihrem Kontext zu beschäftigen, und das, obwohl ich seit Jahren zwei hervorragende Hilfsmittel besitze.

Zum einen die einsprachig deutsche Textsammlung ,Die Fragmente der Vorsokratiker’ von Hermann Diels, ein Rowohlt-Taschenbuch von 1963 (Erste Auflage: 1957), das ich vor Jahren auf einem Flohmarkt erwarb, zum anderen die gleichnamige Edition (Text und Kommentar) der zentralen griechischen Texte von Franz-Josef Weber (Paderborn, Schöningh 1976), ein Geschenk meines Bruders.

Der Autor ist Xenophanes, einer der frühesten europäischen Denker, ein Vorsokratiker. Xenophanes stammte aus Kolophon an der kleinasiatischen Küste, in Jonien, und lebte, so die Überlieferung, etwa 100 Jahre, zwischen ca. 570 und ca. 470 vor Chr. Von seinen Werken sind uns nur Fragmente überliefert – mit denen zu beschäftigen sich auch im Jahre 2018 lohnt.

Den Großteil seines langen Lebens verbrachte er fern seiner Heimat auf der Wanderschaft als fahrender Sänger, nachdem er vor den Persern nach Italien geflohen war.

Ja, es sind nur ein paar Textscherben, die uns nach über zweieinhalbtausend Jahren von ihm vorliegen, aber glücklicherweise tritt uns aus ihnen der Mensch Xenophanes vor Augen, ein Mann von kauzig-liebenswürdigem Humor. So teilt der Uralte uns etwa mit, schon 67 Jahre sei er jetzt durch die hellenische Welt gewandert, und zwar seit seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr – „wenn ich mich hier nicht verrechne“.

Von einem fahrenden Sänger erwartete man, dass er die Gedichte Homers vorzutragen verstand, und trotzdem richtet Xenophanes an ihn und an den anderen großen griechischen Dichter, Hesiod, den oben wiedergegebenen Vorwurf. Denn der ewig wandernde Xenophanes hat sich auf seinen Wegen mit weitaus mehr beschäftigt als mit dem Memorieren von Versen, er war ein eigenwilliger Kopf. Scharf wendet er sich gegen die gängigen anthropomorphen Vorstellungen von den Göttern:

„Hätten die Rinder und Pferde und Löwen Hände, könnten sie malen und Bildwerke schaffen wie Menschen, dann würden die Pferde die Götter als Pferde, die Rinder sie als Rinder porträtieren! Sie würden Statuen meißeln, die ihrer eigenen jeweiligen Körpergestalt entsprächen.“

Und: „Die Äthiopier behaupten, die Götter seien stumpfnasig und schwarz, die Thraker aber, sie seien blauäugig und rothaarig.“

Anschaulich konkretisiert, glänzend despektierlich formuliert, tausendfach zitiert, ist seine Religionskritik bis heute die berühmteste Attacke auf den Anthropomorphismus.

Der Gipfel des Widersinns aber ist für ihn, den Göttern auch noch menschliche Schandtaten anzudichten. Das ist der Sinn der obigen Verse, die aus seinen σίλλοι stammen, Spottgedichten, in denen sich Hexameter und Jamben abwechseln; das oben zitierte Fragment ist – was meine Prosaübersetzung nicht widerspiegelt – rein hexametrisch.

Man kann nicht an Göttliches, an Absolutes, glauben, und zugleich den Göttern Menschliches und Allzumenschliches unterstellen. Welche Schandtaten meint Xenophanes im dritten Vers? Einige Beispiele:

Stehlen: Prometheus stiehlt, so Hesiod, Zeus das Feuer. Im homerischen Hermeshymnus stiehlt Hermes, wegen seiner Verschlagenheit der Gott der Diebe, die 50 Rinder des Apoll.

Ehebrechen: Im achten Buch der Odyssee begehen Ares und Aphrodite Ehebruch: „Komm ins Bett, meine Liebe! Wir wollen uns legen und uns erfreuen (τραπείομεν). Denn [dein Ehemann] Hephaistos ist nicht mehr im Lande.“ (292ff.).

Einander hereinlegen: Im 14. Buch der Ilias täuscht Hera Zeus, damit Poseidon den Griechen beistehen kann. Sie benutzt dazu den Gürtel der Aphrodite, der sie unwiderstehlich macht, um die Gedanken ihres – ohnehin stets lüsternen – Gatten auf Sex abzulenken.

Aus den Fragmenten des Xenophanes seine Religionskritik zu entnehmen ist einfach, seine eigene Theologie zu rekonstruieren schwierig. Vor allem eine zentrale Frage ist nicht definitiv zu beantworten: War Xenophanes strikter Monotheist oder ließ er die Götter unter der Oberherrschaft eines einzigen Gottes fortbestehen?

„Der eine Gott (εἷς θεός), unter Göttern und Menschen am größten (μέγιστος), gleicht weder dem Körper, noch dem Geist nach den Sterblichen“, er ist „ganz Auge, ganz Geist, ganz Ohr“. Er lässt das Weltall mit seiner Geisteskraft erbeben (κραδαίνει). Im Gegensatz zu den gerne auf der Erde herumwandernden Göttern der Tradition bewegt er sich selbst nicht, ein abstraktes Lebensprinzip, das alles Lebendige durchwaltet.

Dieser Gott ist kein Zeus, kein Göttervater, und es ist schwer nachzuvollziehen, welchen Platz Xenophanes den anderen Götter zubilligt (sieht er sie etwa als Lokalgötter?), und worin ihre Göttlichkeit besteht; menschenähnlich sind sie jedenfalls nicht. Es ist jedoch die These vertreten worden, sein Hinweis auf ,die Götter’ sei bloße literarische Konvention, gehöre also in den Bereich der Stilistik.

In jedem Fall trägt Xenophanes einen kühnen Doppelangriff vor, auf die geistigen Urväter Griechenlands und auf die Götterwelt. „Nach (=gemäß) Homer“ so heißt es in einem anderen seiner Fragmente, „haben alle von Anfang an gelernt.“ Für „haben gelernt“ steht im Original das Perfekt ,μεμαθήκασιν’,  nicht die Vergangenheitsform des Aorists. Das Perfekt betont nicht den vergangenen Vorgang, sondern das jetzt vorliegende Endresultat: Sie sind in ihrem ganzen Denken von Homer geprägt. Es ist dies die erste uns überlieferte Kritik an Homer und an seiner erzieherischen Wirkung überhaupt.

Ein anderer Vorsokratiker, Heraklit, wird diesen Angriff in rüder Form steigern: Homer verdiene „ἐκ τῶν ἀγώνων ἐκβάλλεσθαι καὶ ῥαπίζεσθαι“, aus den Dichterwettkämpfen herausgeworfen und durchgeprügelt zu werden.

Xenophanes demontiert den traditionellen Götterglauben: Ihr Bild trivialisierend zu verzerren ist der dreiste Versuch des Menschen, sich Götter nach seinem Ebenbild zu erschaffen.

Was war das für ein geistiges Klima, in dem die Vorsokratiker wirken konnten? Aus welchen Gründen stand die Wiege von Mathematik, Naturwissenschaft, Philosophie – das Wort φιλοσοφία hat erst später Platon geprägt –  in Jonien?

Durch die Lage am Meer war Jonien sperrangelweit offen für den Austausch von Waren – und Ideen! – von überall her. Zugleich waren die jonischen Städte Endpunkte der großen Handelsstraßen aus dem Inneren Asiens. (Fern-)Handel hieß Wohlstand. Die Erfordernisse der Seefahrt stimulierten Naturwissenschaft und Technik. Das Wetteifern zahlreicher Stadtstaaten, das Fehlen einer Kontrolle von fern, durch eine Zentralregierung, keine Priesterherrschaft – das waren weitere Faktoren, die eine freiere Luft wehen ließen als anderswo.

Die Vorsokratiker begründeten die Wissenschaft der westlichen Welt. Noch heute zehren wir von diesem Erbe. Thales und Pythagoras etwa sind in jedem Klassenzimmer präsent.

Wie gesagt, eine freiere Luft als anderswo. Und: als zu anderen Zeiten. Wer das Gegenprogramm sucht, Punkt für Punkt, der vergleiche dieses Ideenlabor mit derselben Region zweieinhalbtausend Jahre später.

Es ist die heutige Türkei, geistig enggeführt und verknöchert durch den Islam, unter der bleiernen Faust des Erdogan-Regimes. Nichts an Strahlkraft geht von ihr aus; in den Nachrichten taucht sie auf, wenn wieder ein Kritiker hinter Schloss und Riegel sitzt. Wer einmal die Probe macht und die Wortgruppe „türkische Intellektuelle“ in Google eingibt, stößt auf nichts als Gefängnis, Folter und Exil.

Fröstelnd wird der Leser gerne in das Jonien der Vorsokratiker zurückkehren, zu kühnem Denken und Fragen, zu dem Modell einer Welt ohne Denkverbote.

Logica verbale

An einem regnerischen Herbsttag 2016 kaufte ich in Mailand, der Stadt der Buchhandlungen, bei Feltrinelli ein Buch mit dem Titel Logica (Hoepli, Mailand 2016, ohne Verfasserangabe).

Es handelt sich nicht etwa um eines jener Werke, die kein Mensch freiwillig liest, weil ihre Seiten vom Spinnengewebe dürrer Tabellen und Wahrheitstafeln bedeckt sind, sondern um ein abwechslungsreiches Übungsbuch mit Testaufgaben plus Schlüssel.

Man kann es also verwenden wie ein Kreuzworträtselheft, etwa im Wartezimmer des Hausarztes; darin zu lesen ist um einiges bereichernder als die bleiernen Seiten des Einerleis Spiegel-Bunte-Focus-Stern zu wenden.

Logica bietet sprachliche, geometrische, arithmetische Aufgaben in buntem Wechsel. Das erste Kapitel, Logica verbale, behandelt unter anderem „premesse e conclusioni“. Es gilt zum Beispiel, kurze Texte daraufhin zu analysieren, welche unausgesprochenen Prämissen ihnen zugrundeliegen.

Jeder, der sich mit Texten beschäftigt weiß, dass es hier um Fundamentales geht. Was ein Text implizit mitteilt, ist oft wichtiger als das, was auf dem Papier steht. Für das Nichtaussprechen von Prämissen kann es verschiedene Gründe geben: etwa die Überzeugung, dass der Adressat des Textes weiß, worum es geht; Zeitmangel; Scham; vor allem: allgemeine kulturelle Voraussetzungen. Und: Es gibt Fälle, in denen Prämissen unerwähnt bleiben, um manipulativ der Diskussion entzogen und unterschoben zu werden.

Wiederholt musste ich in den letzten Monaten an Logica und die unausgesprochenen Prämissen denken, während ich die politischen Debatten in diesem Lande verfolgte.

In der Sendung Berlin Direkt äußerte sich im Dezember 2016 ein Michael Grosse-Brömer, Geschäftsführer der CDU/CSU Fraktion im Bundestag, zu Gefahren der Meinungsmanipulation im Wahlkampf.

Ich hatte seinen Namen nie gehört. Näheres über ihn wusste und weiß ich nicht. Wer wissen will, was ,die CDU’ will, dem reichen die Worte der Vorsitzenden A. Merkel. Um die Einlassungen ihrer Hofschranzen braucht sich in der Regel niemand weiter zu scheren, also auch nicht – jetzt kommt eine strenge Implikation ganz im Sinne von Logica – um die der Schranzen dieser Schranzen.

Der große Grosse-Brömer war es also, der äußerte, es gelte, „falsche Meinung“ – er benutzte ,Meinung’ als kollektiven Singular – vom Bürger fernzuhalten: „Im Netz sind ‘ne Menge Leute unterwegs, die destabilisieren wollen, die falsche Meinung verbreiten, die manipulieren wollen, und da muss Politik mit umgehen, insbesondere vor Wahlkämpfen.“

,Falsche Meinung’ – was steckt hinter dieser Formulierung? Nun, ganz offensichtlich die Prämisse: Ich und meinesgleichen verwalten die Trennlinie zwischen wahr und falsch, und jeder, der auf der falschen Seite steht, hat gefälligst das Maul zu halten, ganz einfach.

Außerdem: ,Destabilisieren’, ein transitives Verb, wird von ihm ohne Akkusativobjekt benutzt. Attackiert er diejenigen, die sich gegen die Fortdauer der sogenannten ,GroKo’ einsetzen?

Ein weiteres Beispiel. Im März 2018 debattierten in Dresden die Schriftsteller Uwe Tellkamp und Durs Grünbein öffentlich über die Masseneinwanderung nach Deutschland.

Grünbein vertrat die politisch korrekte Position, erntete erwartungsgemäß den Beifall der Presse und der GEZ-Journalisten und wurde – in jener üblich gewordenen Orwellschen Sprachumdeutung – auch noch als couragiert gepriesen. Mutig hatte er den allgemeinen Beifall der allgemeinen Ächtung vorgezogen; hier ergibt sich ein gewisses Problem mit logica verbale.

Uwe Tellkamp dagegen ,meinte falsch’, äußerte Unerwünschtes, sorgte für die gebotene flächendeckende Entrüstung. Die sächsische Wirtschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) etwa sah sich bemüßigt, mitzuteilen, Tellkamps Ansichten seien eine „Privatmeinung, die ich nicht teile“.

Ein bemerkenswertes Statement. Im Weltbild der Eva-Maria Stange gibt es eine offizielle Linie, der es zu folgen gilt. Jede dissenting opinion ist irrelevant, weil nicht amtlich. Um eine solche Abweichlermeinung (und: ihren Vertreter) zu erledigen, reicht der bloße Hinweis, dass sie sich nicht mit der vorgegebenen Linie deckt, basta.

Nicht nach Bundesrepublik klang dieser Zungenschlag, sondern nach – DDR. Einer Eingebung folgend, suchte ich den Wikipedia-Eintrag dieser „deutschen Politikerin (SPD) und Gewerkschaftsfunktionärin“. Ich wurde fündig: „Stange war von 1981 bis 1988 Mitglied der SED und ist seit 1998 Mitglied der SPD“. Eine deutsche Karriere, nahtlos. Karrieren dieses Stils kennt die Geschichte der Bundesrepublik seit den frühen fünfziger Jahren.

Auch Tellkamps Verlag Suhrkamp schaltete sich ein. Er fühlte sich bemüßigt, nach der Debatte, am 9. März 2018, um 11:06 zu twittern:

Aus gegebenem Anlass: Die Haltung, die in Äußerungen von Autoren des Hauses zum Ausdruck kommt, ist nicht mit der des Verlages zu verwechseln.

Die Haltung des Verlages? Dass Individuen eine Haltung haben, haben sollten, sei unbestritten, aber ein Verlagshaus? Hier wird vorausgesetzt, dass die Mitarbeiter des Suhrkamp-Verlages so auf Vordermann gebracht sind, dass sie einen einzigen monolithischen Haltungsblock formen. Der Tweet war selbst der Süddeutschen Zeitung zu blöd, er werde „für Suhrkamp zum Bumerang“.

Beim WDR, so weiß man in Köln, muss jeder Hausmeister, jeder Parkwächter das SPD-Parteibuch haben – aber Suhrkamp? Es soll Zeiten gegeben haben, als der Suhrkamp-Verlag vielen als Fackelträger aufklärerischer Vernunft, unbequemen Denkens galt. Das muss Anno Tobak  – anders formuliert: um 1968 herum – gewesen sein.

Neulich hat jemand zum ersten Mal erfolgreich gegen die Löschung eines Facebook-Eintrags geklagt. Wer seine Meinungsfreiheit verteidigen will – und damit die aller –, sollte das am besten in die eigene Hand nehmen. Auf Verlage wie Suhrkamp, auf Spiegel-Bunte-Focus-Stern oder Politiker wie die genannten braucht er dabei jedenfalls nicht zu setzen.

 

Neuer Aufsatz erschienen!

FORVM CLASSICVM, die Zeitschrift für die Fächer Latein und Griechisch an Schulen und Universitäten, hat einen neuen Aufsatz von mir publiziert, der hier von meiner Homepage gratis als PDF downloadbar ist: De principatibus – der Principe Machiavellis und Ciceros De Officiis. Mit den Worten des Herausgebers Markus Schauer: „Christoph Wurm entführt uns in die Zeit der Renaissance-Humanismus und vergleicht zwei staatsphilosophische Werke, die beide in gewisser Weise Fürstenspiegel sind: den Principe Machiavellis und Ciceros De Officiis.“

Kirche im Dorf, Spatz in der Hand

„Der Sperling in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach“ – darauf stieß ich jüngst im Internet, was mich verwunderte, denn ich kannte nur den Spatzen in der Hand. Diese Version mit dem Sperling, gefunden im Internetwörterbuch Bab.la, kam mir nicht nur fremd, sondern auch schlechter vor: Sie klang überhaupt nicht wie eine richtige Redensart.

Ein Blick in Google zeigt, dass es Belegstellen auch aus neuerer Zeit gibt, aber zu erdrückend ist das – numerische! – Übergewicht des Spatzen. Dasselbe gilt für Spatzen/Sperlinge, auf die man mit Kanonen schießt oder die etwas von den Dächern pfeifen.

Ein repräsentatives Nachschlagewerk zu den deutschen Sprichwörtern erwähnt ausschließlich den Spatzen, vom Sperling keine Rede: „Sprw. heißt es ,Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach’, d.h. besser einen kleinen, aber sicheren Gewinn als große Hoffnungen, die sich nicht erfüllen. Ähnl. im Ndl. ,Beter een vogel in de hant als thien in de loght’.“ So Lutz Röhrich im Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten (Bd. 4, S. 1496, 5. Aufl., Freiburg 1994).

Aber: Die klassische, erstmalig 1846 erschienene Sammlung „Deutsche Sprichwörter“  von Karl Simrock kennt nur den Sperling: „Besser ein Sperling in der Hand als ein Kranich auf dem Dach (über Land)“ (Sprichwort Nr. 9691) sowie „Die Sperlinge singen’s von den Dächern.“ (9695).

,Sperling’ ist ein gehobenes, eher schriftsprachliches, altmodisches Wort, das heutzutage vor allem in Biologiebüchern zu finden ist. Aus ihnen kann man auch entnehmen, dass Spatz kein pauschales Synonym für ,Sperling’, sondern für den Haussperling ist, was für unser Thema irrelevant ist.

Eine zweite Domäne des Sperlings ist die Welt der Bibelübersetzungen, denn in der Bibel wird der Vogel mehrfach erwähnt. Auch die neue (2016) Version der Einheitsübersetzung kennt den Sperling (Psalm 84,4: „Auch der Sperling fand ein Haus/und die Schwalbe ein Nest“), wählt aber meist den Spatzen. Luther übersetzt die beiden Stellen Matthäus 10,29 und Lukas 12,6 „οὐχὶ δύο στρουθία ἀσσαρίου πωλεῖται;“ und „οὐχὶ πέντε στρουθία πωλοῦνται ἀσσαρίων δύο;“ mit „Kauft man nicht zwei Sperlinge um einen Pfennig?“ sowie „Verkauft man nicht fünf Sperlinge um zwei Pfennige?“. In der Einheitsübersetzung dagegen hat sich der Spatz durchgesetzt: „Verkauft man nicht zwei Spatzen für einen Pfennig?“, „Verkauft man nicht fünf Spatzen für zwei Pfennige?“.

Woher dieser Triumph des Spatzen über den Sperling? Weil Spatz das ist, was die französischen Sprachwissenschaftler mot expressif  nennen. Bei derartigen Wörtern besteht irgendein Zusammenhang zwischen Lautgestalt und Sinn. Der bekannteste Untertyp ist das lautmalerische Wort, aber es gibt auch andere Arten des mot expressif. Eine Beispiel: die Verben ,lächeln’, ,lachen’, ,smile’, ,laugh’, bei deren Aussprache jedermann sein Gesicht entsprechend verzieht.

Ein einsilbiges Wort mit einem kurzen Vokal wie Spatz, das noch dazu auf einen stimmlosen Konsonanten endet, bietet sich an, um Kleines, Flüchtiges, Abgehacktes, Triviales zu benennen. Deshalb sagen manche ,ratz-fatz’ für ,äußerst schnell’, deshalb ist Vergebliches nicht für die Katze, sondern für die Katz’.

Das ist jedoch nicht der einzige Grund dafür, dass die Variante „Besser der Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“ die eindrucksvollste, einprägsamste ist. Da ist zunächst der Rhythmus: Bésser der Spátz in der Hánd als die Taúbe auf dem Dách. Auf drei perfekte Daktylen (ein Daktylus=eine betonte Silbe + zwei unbetonte Silben) folgt ein vierter, der eine unbetonte Silbe zu viel hat, sowie eine weitere Hebung, Dách. Die Unregelmäßigkeit ist also genau an der Stelle, wo der unerreichbare Ort genannt ist.

Zumindest zum Teil daktylisch ist auch der Rhythmus anderer deutscher Redensarten: das Kínd mit dem Báde ausschütten, die Kírche im Dórf lassen, mit Kanónen auf Spátzen schiessen. Das gilt auch für die französische und die spanischen Variante des behandelten Sprichworts: „Un tiens vaut mieux que deux tu l’auras.“ (Ein habe ist mehr wert als zwei du wirst haben) und „Más vale pájaro en mano que ciento volando“ (Besser ein Vogel in der Hand als hundert in der Luft). Beide Sprichwörter sind nicht sinngleich mit dem deutschen, da nicht Schlechteres mit Besserem, sondern Eines mit Mehr verglichen wird.

Das einsilbige Wort ,Spatz’ für das Unbedeutendere steht dem längeren Wort ,Taube’ für das Bedeutendere gegenüber; so auch im französischen  Sprichwort: ,tiens’ – das sonst obligatorische Subjektpronomen ,je’ fehlt, offensichtlich genau um dieser sinnunterstreichenden Wirkung willen – und ,tu l’auras’. Das italienische Äquivalent lautet: „Meglio un uovo oggi che una gallina domani.“ (Besser ein Ei heute als eine Henne morgen). Auch hier der Kontrast der Silbenzahl: un (eine) uovo (zwei) oggi (zwei) und una (zwei) gallina (drei)  domani (drei).

Dasselbe Prinzip gilt dort, wo Unverhältnismäßigkeit der Mittel herrscht – wenn nämlich mit (dreisilbigen) Kanonen auf (zweisilbige) Spatzen geschossen wird!