Guter Wein und schöne Männer

Wenn ein Wort im Italienischen allgegenwärtig ist, dann ,bello’. Es hat einen großen Bedeutungsumfang, von ,schön’ und ,schick’ über ,gut’ bis ,angemessen’ und ,günstig’. Oft wird es auch sarkastisch für das jeweilige Gegenteil verwendet, etwa: ,Bella figura!’, ,Schöne Blamage!’. Im Spanischen und Portugiesischen dagegen meint ,bello’/,belo’ ausschließlich Schönheit im vollen Wortsinn.

,Bello’ existiert in ähnlicher Form in allen romanischen Sprachen, muss also aus dem Lateinischen stammen. Frage: Warum steht das Wort in jedem Italienisch- oder Französischbuch auf der ersten Seite, während ,bellus, -a, um’ in den Lateinbüchern keine Rolle spielt? (Wohl aber ,bellum’, von ,duellum’: ,der Krieg’.) Die erste Vermutung ist in solchen Fällen immer, dass das Wort ins Vulgärlatein gehört oder eine spätere Wortschöpfung ist, etwa des Mittelalters.

Ein Blick in die gängigen Handbücher zeigt, dass davon keine Rede sein kann: ,bellus, -a, um’ wird, sogar mehrfach, von Cicero höchstpersönlich verwendet. Von einem gewissen Corumbus etwa schreibt Cicero, er gelte als ein tüchtiger Architekt, als ,bellus architectus’ (Att. 14,3,1); Leute mit guten Umgangsformen nennt er ,homines belli’ (Att. 1,10,4); an anderer Stelle sagt er, es sei absurd, Cato und Lysias in ihrer Qualität als Redner miteinander zu vergleichen: „würden wir hier im Scherz miteinander reden, dann wäre das ein Fall von gelungener Ironie “, „bella ironia, si iocaremur“ (Brut. 293). Die Freizeit sei die angenehmste Stütze des Alters, ,subsidium bellissimum’ (De Orat. I, 255). Einen Freund fordert er in einem Brief auf, ,gesund und munter’ (=,bellus’) von einer Reise zurückzukehren (Ep. 16,18,1).

In seinem ,Handlexikon zu Cicero’ listet Hugo Merguet noch zahlreiche weitere Belegstellen dieser Art auf. In anderen Lexika finden wir den Beifallsruf ,Belle’! (Adverb) und ,bellae puellae’, ,hübsche Mädchen’. ,Vinum bellissimum’ hat exakt dieselbe Bedeutung wie zweitausend Jahre später: ,È un bellissimo vino!’

All diese Verwendungen bezeichnen nie Schönheit als vollendete Harmonie – ohne jedoch bis zur Sinnleere abgeschliffen zu sein wie postsemantische Worthülsen à la ,nice’, ,great’, ,cool’. (Auch ein Grund für den Triumph des Englischen als Weltsprache: die Wonne sinnbefreiten Sprechens.) ,Bellus’ entspricht Wörtern wie ,ansehnlich’, ,gelungen’, ,reizend’, ,hübsch’, ,fein’: solchen Adjektiven, die relative Schönheit bezeichnen, sich nicht auf den Wesenskern beziehen.

Hermann Menge nennt in seinem Lexikon das Wort ,umgangssprachlich’, und es fällt auf, dass die große Mehrzahl der von Hugo Merguet genannten Stellen aus den Privatbriefen Ciceros stammt, weniger aus seinem literarischen Werk. Das lateinische Adjektiv für ,schön’ ist nicht ,bellus‘, sondern ,pulcher’. In der Volkssprache wurde ,pulcher’ dann durch ,bellus’ verdrängt: In Jacqueline Picoches ,Dictionnaire étymologique du français’ lesen wir zum Ursprung von ,beau’: „bellus, qui a éliminé pulcher, decorus, formosus, plus usuels en lat. class. et qui expriment d’autres nuances de la notion de beauté.“

Dem Kompliment an eine Frau ,belle comme un astre’ entspräche daher im Lateinischen ,pulchra ut astrum’, ,bella’ würde hier nicht richtig passen, da das Adjektiv für Trivialeres reserviert ist. So wird etwa Ciceros Freund und Briefpartner Atticus die wenig humane Maxime zuteil: „Est bellum aliquem libenter odisse“ – „Es ist doch eine feine Sache, jemanden so richtig zu hassen“ (Att. 13,54,2). Und bei Martial, dem boshaften Satiriker, ist ein ,homo bellus’ (3,63) nicht unbedingt ein schöner Mann, sondern ein künstlich gelockter, ein enthaarter, wohlparfümierter.

G-Menschen und U-Wörter

,Gutmensch’ – so lautete das ,Unwort’ des Jahres 2015. Gesellschaftlich förderliches, menschlich bewundernswertes, moralisch exemplarisches Verhalten werde – so die Jury der entrüsteten ProfessorInnen, die den Bann verhängte – durch dieses Wort in den Dreck gezogen. Das G-Wort behauptete sich jedoch auch als U-Wort, so als wäre nichts geschehen.

Nur ein Jahr später startete daher der nächste Versuch der Sprachsäuberung, diesmal auf umgekehrte Weise: Statt es zu ächten, versuchte man nun, das Wort ,umzudrehen’, es mit einem positiven Inhalt zu füllen. Die Kampagne ‚Zusammen gut’ stand unter der Schirmherrschaft des Kölner Erzbischofs Woelki. In einem Video sprühte er mit grüner Farbe #gutmensch auf den Boden, einer jener couragierten Akte, die einem jeden Kirchenmann den erstrebten Medienapplaus sichern.

Auch dieses Mal überlebte der ehrfurchtlose Terminus, ja der buonista, wie die Italiener ihn nennen, erfreut sich robuster Gesundheit, im Alltagsgespräch wie in den sozialen Medien. Unsere Sprach-und Meinungsbetreuer sollten also erneut bei George Orwell nachschlagen, ob es nicht eine andere Möglichkeit gibt, ihm den Garaus zu machen.

Der Grund für die Beliebtheit des Wortes liegt auf der Hand: Es bezeichnet einen Menschentypus, der anderen dermaßen auf die Nerven geht, dass sie dankbar die Möglichkeit ergreifen, ihn kurz und treffend zu benennen.

Anzutreffen ist dieser Typ vor allem in Politik und Medien; wer in der realen Welt nach ihm sucht, sollte gerade nicht an den Orten herrlich bunter Vielfalt nach ihm Ausschau halten, etwa bei Lidl in Berlin Neukölln oder bei Aldi im Dortmunder Norden, sondern im Bio-Markt etwas komfortablerer Wohngegenden. Um das Wort zu beseitigen, müsste man die Sache abschaffen. Abgeordnete müssten ihre Plätze räumen, Klaus Kleber den Bildschirm, Bischöfin Käßmann die Kanzel.

Woher stammt dieser Menschentypus? Wer versucht, die geistesgeschichtlichen Hintergründe auszuloten, wird unweigerlich auf den Namen Rousseau stoßen.

Jean Jacques Rousseau (1712 – 1778) war Erfinder und Prototyp des Gutmenschen. Er, ein unermüdlicher Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit, war es, der unter dem Schlachtruf ,Retour à la nature’ die Knechtung des Menschen durch ,die Gesellschaft’ kritisierte. Der Fortschritt habe den Menschen verdorben, der von Natur aus gut sei, ein geborener Gutmensch also.

In einem idealen Staat würde der Einzelne selbstlos alles für die Gemeinschaft geben. Die volonté générale, der allgemeine Wille der Bürger, wäre auf das Beste gerichtet. Der Bürger – das ist für Rousseau nicht der bourgeois, der feiste Besitzbürger (der CDU-Stadtrat, der FDP wählende Zahnarzt oder Apotheker), sondern der idealistische citoyen. Sollte sich in Rousseaus Staat jemand der volonté générale nicht beugen, gelte es eben, ihn zur Moral zu zwingen, ganz einfach. Man sieht: er war der Vordenker aller Grünen-Parteitage.

Rousseau, legendär humorlos, beteiligte sich an jeder Debatte, sorgte für Gesprächsstoff in allen Salons, war zu jedem moralischen ,Aufschrei’ bereit. Sein Werk Émile galt der idealen Kindeserziehung, ohne falsche Zwänge, beim Wandern durch die Natur. Die Zeit, sich um seine Familie zu kümmern, fand der Philanthrop allerdings nicht: Seine eigenen Kinder gab er im Waisenhaus ab, sah sie nie wieder und konnte so mit Muße, ohne Kinderlärm, über die Weltnöte nachsinnen.

Robert Spaemann hat dazu geschrieben1: Dass Rousseau die Erziehung seiner eigenen fünf Kinder „erst gar nicht versuchte, sondern sie allesamt im Findelhaus abgab, wollte er später nicht vorgehalten bekommen. Er hielt es vorbeugend andern vor. Es wäre für ihn mühselig gewesen, die Kinder durchzubringen, und als Émiles hätte er sie natürlich nicht aufziehen können. Unter der Voraussetzung seiner Maxime ,Alles oder nichts’ blieb also nur: nichts. Die Schuld traf diejenigen, die nicht ,alles’ möglich machten, also ,die Gesellschaft’. Niemand hat diese moderne Attitüde so exemplarisch vorgelebt wie Rousseau.“

 

1Rousseau – Mensch oder Bürger. Das Dilemma der Moderne, Stuttgart 2008, S. 116

Salviamo la punteggiatura!!!

Unter dem Titel „Salviamo la punteggiatura“ – „Retten wir die Zeichensetzung“ (ohne ein folgendes Satzzeichen) hat das italienische Wissenschaftsmagazin Focus in diesem Monat (August 2018, Heft Nr. 310) einen lesenswerten Artikel herausgebracht. Er erläutert, wie die Kommunikationsgewohnheiten per telefonino den Gebrauch und die Bedeutung der Satzzeichen verändern. Die Texte, die wir etwa per WhatsApp erhalten oder auf Twitter lesen, sind „parlato camuffato da scrittura“ – „Gesprochenes, als Schrift verkleidet“, und aus italiano wird e-taliano.

So wie Texte durch Smiley :‑) (seit 1982) und Emoji (seit Ende der 90er Jahre) radikal verändert werden, so greifen auch die neuen Formen unserer Kommunikation tief in die Zeichensetzung ein. Dieser Prozess ist – wie üblich – in ominösen amerikanischen Studien untersucht worden.

Der Punkt verschwindet, ja seine Setzung wird als ablehnende Botschaft interpretiert, als Zeichen von Aggressivität oder Distanzierung. Wo drei Punkte verwendet werden, ist die Bedeutung nicht immer eindeutig. Das Semikolon, schon lange vor Erfindung des telefonino das Sorgenkind unter den Satzzeichen, stirbt aus, jetzt ist es der Saurier in der Miniaturwelt der Interpunktion. Wer ihn noch setzt, gilt als pedantisch, denn der punto e virgola ist „fuori luogo in un contesto di simulazione dell’oralità“ – „fehl am Platz dort, wo es darum geht, Mündlichkeit nachzuahmen“.

Die Verfasserin Elisa Venco weist darauf hin, dass unsere Satzzeichen zum Teil italienische Erfindungen seien. 1500 habe der venezianische Drucker Aldo Manuzio das Semikolon und den Apostroph erfunden. Und Alpoleio da Urbisaglia 1360 das Rufzeichen!!! Und damit den großen Sieger im Wettkampf der Satzzeichen. Es wird nicht mehr nur zur Markierung von Ausrufen und emphatisch benutzt, sondern bezeichnet „sincerità e calore“ – Aufrichtigkeit und Wärme, und ist (deshalb: so zumindest eine Studie aus dem Mutterland der Political Correctness) besonders bei Frauen beliebt.

Vorbei die Zeiten, in denen Ernest Hemingway, so erfahren wir, ein ganzes Buch, ,The Old Man and the Sea’ (1952), unter Verwendung eines einzigen Rufzeichens schrieb: ,Ecco!’ – die Reaktion des Protagonisten darauf, dass der Riesenfisch den Köder schluckt. (Die Taschenbuchausgabe, so habe ich gerade bei amazon eruiert, umfasst 112 Seiten).

Was Emoticons und Emoji betrifft, so sei die Idee keineswegs neu. 1841 schlug, so lesen wir, der belgische Journalist Marcellin Jobard ein neues System der Satzzeichen vor, mit zahlreichen Zeichen, etwa für Beifall, Ironie, Genugtuung, Zweifel. ,Amore’ war eine Herzform, ,acclamazione’ ein spezielles Rufzeichen, ein V mit einem Punkt darunter. Als jedes Zeichen eines Telegramms noch teuer bezahlt werden musste, sicher eine gute Idee – vorausgesetzt, das System wäre weltweit akzeptiert worden.

Abgerundet wird der Artikel durch fünf Ratschläge zum richtigen Gebrauch der Interpunktion (bei denen alle oben erwähnten Punkte ausgespart sind):

  1. Kein Komma zwischen Subjekt und Prädikat: Mario, parla troppo.
  2. Kein Doppelpunkt vor Objekten: Ho comprato: le arance, le mele, le pere.
  3. Kein Fragezeichen in der indirekten Rede: Le ho chiesto come si chiamava?
  4. Nie mehr als drei Punkte hintereinander: e ci siamo capiti …….
  5. Keine Anhäufungen von Ruf- und oder Fragezeichen: ?!?!

1862 wollte Victor Hugo von seinem Verleger erfahren, wie gut sich Les Miserables verkaufte, ohne allzu viel in sein Telegramm zu investieren.

Er sandte also eines, das aus nur einem Zeichen bestand: ? Die Antwort: !

Wem die Stunde schlägt …

Geschichte der Weltliteratur in einer Stunde – ein Buch mit diesem Titel vorzulegen, dazu bedarf es sicherlich einer gewissen Kühnheit, um nicht zu sagen Dreistheit. Vor einiger Zeit entdeckte ich das 111 Seiten umfassende Buch aus dem Jahre 1921 in einem Antiquariat und erstand es gerade dieser kühnen Ironie wegen.

Der Verfasser: Klabund, ohne Vorname. Wie ich herausfand, ein Pseudonym, eine Kombination aus ,Klabautermann’ und ,Vagabund’, für Alfred Henschke (1890 – 1928). Er verfasste zahlreiche seinerzeit erfolgreiche Dramen und Romane und übersetzte aus dem Chinesischen, Japanischen und Persischen.

Das programmatische Motto, das Klabund dem Werk voranstellt, ist ein Goethezitat: „Wenn wir Deutschen nicht aus dem engen Kreise unserer eigenen Umgebung hinausblicken, so kommen wir gar zu leicht in einen pedantischen Dünkel. Ich sehe mich daher gern bei fremden Nationen um und rate jedem, es auch seinerseits zu tun.“

Die Tendenz des Werks ist liberal und pazifistisch, philosemitisch und antinationalistisch, pro Völkerverständigung, gegen politischen Extremismus von rechts wie von links. (Es enthält trotzdem die eine oder andere saftige ,politische Unkorrektheit’; welche, sage ich nicht).

Es ist eine amüsante Lektüre, Klabunds Stil ist journalistisch, und er verwendet auch die üblichen journalistischen Präsentationstechniken: einprägsame Beispiele, Vermengung von Biographischen und Literarischem, kurze charakteristische Zitate aus den Werken der behandelten Autoren (Autorinnen fehlen fast ganz), überraschende Fakteninformationen, hemdsärmelige Wertungen.

Kaum ein Leser dürfte nachher behaupten, tief ins Herz der Weltliteratur eingedrungen zu sein; zu vieles ist holzschnittartig, teilweise grob entstellend. Das Kapitel über die römische Literatur etwa ist alles andere als tiefschürfend, es enthält – etwa im Hinblick auf die schnoddrige Abwertung der Aeneis („nicht besonders originell“) – krasse Fehleinschätzungen.

Wer Gefallen an geschliffener Boshaftigkeit hat, kommt in jedem Fall auf seine Kosten; ein paar beliebige Beispiele, vielfach fortsetzbar:

Pindar, einer der größten Lyriker der griechischen Antike, dichtete über die Wettkämpfer der olympischen Spiele, „und er besang ihre Siege nicht anders als heute die amerikanischen Jazzlyriker die Boxer Dempsey und Carpentier besingen“ – eine Aussage, die er danach doch differenziert.

Über Shakespeares Gedicht Venus and Adonis: Missgünstige behaupteten, „es wäre die Lieblingslektüre der elisabethanischen Dirnen. Was nur für diese sprechen würde.“

Pierre Ronsard wollte, so Klabund, mit seiner Franciade seiner Heimat ein Nationalepos schenken, „der Ilias würdig. Was ihm nicht geglückt ist.“

Figaros Hochzeit von Beaumarchais könnte auch „der Polterabend der Revolution heißen“.

Über Prosper Merimée: „Die weibliche Endung (ée) seines Namens findet eine Parallele in einer stark weiblich betonten Komponente seines Wesens, die so weit geht, daß er weibliche Pseudonyme (Hyacinta Maglanowich) wählt und dem einer spanischen Tänzerin zugeschriebenen Buch sein Porträt als Spanierin mit der Mantille anhängt.“

Gabriele d’Annunzio „rühmt sich, ein Lateiner zu sein, und erkennt in jedem Menschen von fremdem Blut einen Barbaren. (Was ihn nicht hinderte, einmal einen Barbaren namens Nietzsche anzuoden und anzuöden, ohne den er ,nichts wäre’.) Er ist ein politischer Charlatan, ein Poseur mit einem genialen Einschlag.“

Legte ein Erfolgsautor heutzutage ein solches Buch vor, er stünde im Handumdrehen im Shitstorm, und zwar aus folgendem Grund: Alle möglichen sich nicht gewürdigt fühlenden Minderheiten – und noch dazu: das ganze weibliche Geschlecht! – würden mit schrillen Posaunenstößen die Qual ihres Diskriminiertseins kundtun. Die Grünen würden wahrscheinlich hergehen und die gesetzliche Einführung verbindlicher Quotenregeln für solche Gesamtdarstellungen fordern! Kurzum: vorbei sind die Zeiten, wo man, wie in der Weimarer oder der Bonner Republik, meinen und schreiben konnte, was man wollte.

Klabund jedenfalls machte es nichts aus, weder bei den Eskimosnoch in Lateinamerika noch in Afrika fündig geworden zu sein: für ihn anscheinend allesamt literaturgeschichtliche Totalausfälle.China, Japan, Persien, Ägypten dagegen werden, in dieser Reihenfolge, ausführlich gewürdigt, wie auch andere außereuropäische Literaturen, beispielsweise die der USA.

Am Ende der Lesestunde verbleibt nicht nur eine Menge einprägsamer Details, sondern auch eine Vorstellung von Weltkultur, ganz im Sinne des genannten Goethezitats. Gewiss kann hier jeder vielfältige Leseanregungen finden.

 

1 Mein Exemplar entstammt der zweiten, vom Autor neu durchgesehenen Auflage, Leipzig 1923.

2 Ich wähle die ältere Bezeichnung ,Eskimos’, da  auch ,Inuit’ inzwischen ins Visier der politisch  Korrekten geraten ist; vgl. das Werk Populäre Irrtümer über Sprache von O. Ernst, J. C. Freienstein und L. Schaipp, Stuttgart 2011, S. 112 ff. Der einzige jetzt noch mögliche Weg, die Eskimos/Inuit sprachlich nicht zu diskriminieren, ist demnach – das Schweigen.

Im Falle Afrikas würdigt er allerdings die letzten römischen Autoren, wie Apuleius, und die brasilianische Literatur bedenkt er mit einem Satz als Abschluss des Kapitels ,Portugal‘.

Unerwünschte Erosionen

Die Kanzlerin A. Merkel äußert sich nicht häufig zu solchen Themen, wie mein Blog sie behandelt, aber auf der Bundespressekonferenz vom 20. Juli 2018 tat sie es. Sie äußerte sich metasprachlich, und zwar zum richtigen Sprachgebrauch in der politischen Diskussion. Ich habe ihre Worte heute von der offiziellen Seite bundesregierung.de übernommen und gebe sie hier unverändert wieder – ohne deutsche Untertitel.

„Ich messe der Sprache auch eine sehr, sehr große Bedeutung zu. Ich persönlich werde mich immer wieder sehr gegen bestimmte Erosionen von Sprache wenden, weil ich glaube, dass es auch Ausdruck von Denken ist. Deshalb muss man sehr vorsichtig sein. Ich glaube, das haben ja auch einige jetzt schon versucht zu beherzigen. Das ist ein Ausdruck politischer Kultur. Er kann Spaltung auch befördern.

Schuld & Lust, Stolz & Holz 

Das Zerrbild der deutschen Kaiserzeit, das viele im Hinterkopf mit sich herumtragen, hat mich nie überzeugt: das eines militaristischen Obrigkeitsstaats, einer Art Nord-Vietnam unter Wilhelm II. als Kim Jong-un mit Pickelhaube. Dass sich in jüngster Zeit in der historischen Fachwissenschaft ein ganz anderes, facettenreiches Bild Bahn bricht, nehme ich gerne zur Kenntnis.

Erst vor ein paar Wochen etwa erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter dem Titel „Wir Untertanen“ ein Artikelder Historikerin Hedwig Richter, den die Autorin mit folgender Zusammenfassung einleitet: „Das deutsche Kaiserreich war um 1900 ein Laboratorium des demokratischen Aufbruchs. Trotzdem hält sich in Öffentlichkeit und Wissenschaft die Legende vom deutschen Sonderweg, einem Land unter der Pickelhaube.“

Dass das Dogma vom Sonderweg ein ziemlicher Holzweg war, hatte bereits im Jahre 2000 die kalifornische Professorin Margaret Lavinia Anderson in ihrem Buch Practicing Democracy: Elections and Political Culture in Imperial Germany nachgewiesen.

Detailliert belegt der Historiker Frank-Lothar Kroll in seinem 2013 erschienenen Werk Geburt der Moderne – Politik, Gesellschaft und Kultur vor dem Ersten Weltkrieg2, dass die Kaiserzeit mehr zu bieten hatte als Marschmusik und Pickelhaube. Er fordert eine „längst überfällige Neubewertung des wilhelminischen Deutschlands.“

Richter: „Was war das für eine Zeit! Plötzlich hatte sich ,in ganz Europa ein beflügelndes Fieber erhoben’, wie Robert Musil über die Jahre um 1900 notierte, ,überall standen Menschen auf, um gegen das Alte zu kämpfen.’ Frauenbewegung, Sozial- und Arbeitsreform, Wandervögel und Technikeuphorie – die Welt war in Bewegung. (…) Eine reformbegeisterte Zivilgesellschaft vibrierte im Fortschrittsglauben – wie im ganzen nordatlantischen Raum.“

Das deutsche Reich – so Kroll – sei um die Jahrhundertwende einer der fortschrittlichsten Staaten Europas gewesen, gerade etwa im Vergleich zu dem seit 1911 sogar von bürgerkriegsähnlichen Unruhen erschütterten Großbritannien. Die Kaiserzeit habe größte soziale, wissenschaftliche, künstlerischer Errungenschaften hervorgebracht.

Genau hier lag immer der Hauptgrund für mein eigenes Misstrauen gegenüber jenem trostlosen Negativbild: Wer Sprachen studiert, wird sehr bald merken, dass es in der Neuzeit nie vor oder nach dieser Epoche eine solche Blüte der Philologie gegeben hat wie damals in Deutschland.

Noch heute gilt die Faustregel: Wer nach einem besonders hieb- und stichfesten Hilfsmittel für irgendeinen Spezialbereich aus dem Feld der Sprachen sucht, egal für welchen, ist mit Werken des 19. und frühen 20. Jahrhunderts immer gut bedient. In vielen Fällen fehlt jede moderne Alternative – schon gar nicht seitens der immer dünnblütigeren Hochschulphilologie der letzten Jahrzehnte, die nur noch sich selbst wahrzunehmen scheint, und das unscharf.

Das ganze 19. Jahrhundert hindurch, vor allem aber nach der Gründung des Deutschen Reichs, erschienen unzählige Werke zu Sprache und Sprachen, die deutsche Geisteswissenschaft war weltführend. Wie sollen sich Weltoffenheit, Lernbereitschaft, Aufgeschlossenheit gegenüber fremden Kulturen unmissverständlicher manifestieren?

Ob Grammatiken des Baskischen oder des Chinesischen, ob ein Italienisch-Handbuch für Opernliebhaber3, ob ein Wörterbuch zu den Werken des Cervantes oder eine vergleichende Sammlung aller europäischen Sprichwörter: Werke dieser Art – stets hochwertig, leidenschaftlich akkurat – sind Zeugnisse der damaligen Blütezeit deutscher Wissenschaft.

Die heute vorliegenden Langenscheidt-Lexika für Latein und Griechisch aller Formate gehen auf Hermann Menge zurück, einen Philologen der Kaiserzeit. Dass bis heute das Französische im deutschen Sprachraum diejenige der romanischen Sprachen ist, die grammatikalisch und lexikalisch am differenziertesten dokumentiert ist, hat seine Ursache ebenfalls in der Kaiserzeit, als Französisch erste moderne Fremdsprache am Gymnasium war. Man denke etwa an Fritz Strohmeyer (1869 – 1957), dessen Französische Sprachlehre später von Hans-Wilhelm Klein überarbeitet wurde und als ,der Klein-Strohmeyer’ über Jahrzehnte hinweg ein Standardwerk blieb.

Im Vorfeld des Gedenkens an die erste große europäische Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts, den Weltkrieg 1914 – 1918, ertönte in der Geschichtswissenschaft ein Paukenschlag, der bis jetzt noch nachhallt. Was war geschehen? Der australische Historiker Christopher Clark hatte sein minutiös dokumentiertes Werk The Sleepwalkers (2012), deutscher Titel: Die Schlafwandler, veröffentlicht, in dem er der These von Deutschlands Hauptschuld an diesem Völkerkonflikt eine klare Absage erteilt.

In dem umfangreichen Werk wies er nach, dass weder das deutsche Reich noch das verbündete Österreich-Ungarn die Schurken in diesem Stück gewesen seien, sondern dass sich die Kriegsursachen weitaus gleichmäßiger verteilten.

So also ein australischer Gelehrter, der heute in Cambridge lehrt, jemand der von seiner Provenienz her gewiss als ,disinterested’, als unvoreingenommen, einzuordnen ist.

In welchem Land stieß das Buch, ein internationaler Bestseller, auf den heftigsten Widerstand? – Richtig, in Deutschland. Clark zeigte sich in Interviews darüber erstaunt. Nirgendwo auf der Welt bestehe man so widerborstig auf vermeintlicher Schuld des eigenen Landes, lasse sich die Lust an ihr durch keine sachliche Argumentation vermasseln.

Ein wichtiger Grund für diese Fixiertheit ist der Einfluss der ,SPD-Historiker’. Ob Hans-Ulrich Wehler – in vorderster Linie gegen Clark –, Heinrich-August Winkler, Fritz Fischer oder Wolfgang Mommsen – gerade die einflussreichsten Historiker der Bonner Republik standen der SPD nahe oder waren sogar Parteimitglieder.

Wer aber politisch so festgelegt ist, wird ,Partei ergreifen’, wenn er jene Jahre ab 1871 untersucht, in denen die 1863 in Gotha gegründete SPD schwere Kämpfe auszufechten hatte. Er wird Schwierigkeiten haben, das wilhelminische Deutschland objektiver zu beurteilen. Die Genannten sind natürlich die bis heute in den Medien präsenten Deuter und Ankläger der wilhelminischen Zeit.

Zur Einschwärzung der Kaiserzeit bemerkt Frank-Lothar Kroll: „Die Geschichte des Bismarckreiches wurde mehr oder weniger als eine bloße Vorgeschichte des ,Dritten Reiches’ interpretiert. Sich als ,kritisch’ gebärdende Repräsentanten einer Historischen Sozialwissenschaft, allen voran Hans-Ulrich Wehler, überboten sich in ihrem Bemühen, entsprechende Kontinuitätszusammenhänge zu konstruieren und gegenläufige Forschungsmeinungen (…) nach Kräften zu delegitimieren.“

Zeit für eine Neubesinnung also, Zeit, unsern Vorfahren jetzt Gerechtigkeit widerfahren zu lassen!

 

1 Am 22. Juni 2018. Die Seite aufgerufen am 22.6.

be.bra Verlag, Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert Band I. Alle Zitate auf S. 8

3 Joseph Schlett, Selbstunterricht zum Verstehen italienischer Operngedichte als Vorschule zur vollständigen Erlernung dieser Sprache, Sulzbach 1823. – Ich habe das Buch nicht gekauft, weil ich ein großer Opernliebhaber wäre, sondern weil die Erklärungen Bereiche ausleuchten, die in heutigen Grammatiken des Italienischen gar nicht erwähnt werden oder zumindest nicht so übersichtlich zusammengefasst sind.

Die Schwätzer und der Samurai

Einer der bedeutendsten lebenden deutschen Geisteswissenschaftler, der international renommierte protestantische Theologe Prof. Dr. Udo Schnelle, Spezialist für das Neue Testament, hat sich vor ein paar Tagen in einer Weise zu dem Themenkreis Kirche, Gesellschaft, Islam gemeldet, die inhaltlich sehr nahe bei meinen eigenen Äußerungen zu den deutschen ,Kirchenführern‘ in meinem letzten Blogeintrag liegt.

Der Text ist am 11. Juli von dem protestantischen Wochenmagazin idea Spektrum veröffentlicht worden. Es handelt sich nicht um ein Interview, sondern um einen kohärenten Text mit dem Titel „Die Kirche spielt mit ihrer Zukunft“. Er findet sich in der Julinummer des Magazins (S. 16 – 18); ich habe ihn mir für € 2,99 als ,E-Paper’ heruntergeladen. Auf der Internetseite idea.de findet sich eine gute Zusammenfassung in indirekter Rede, gratis.

Ich habe Schnelles ,Einleitung in die Neutestamentliche Exegese’ gelesen und benutze auch sein dickleibiges Werk ,Paulus. Leben und Denken’ (über 700 hochinformative Seiten). Daher wollte ich wissen, was ein Wissenschaftler dieses Argumentationsniveaus in die Monotonie des öffentlichen Diskurses ,einbringt‘, in dem sonst immer dieselben immer dasselbe sagen, schwafeln und schreiben.

In seinem Aufsatz attackiert Udo Schnelle Formen Bedford-Stro(h)mlinienförmiger Anbiederung an die Welt. „Die evangelischen Kirchen dienen sich häufig dem Zeitgeist an und nehmen die Bibel als Wort Gottes nicht mehr ernst.“ Besonders erhellend finde ich seine Aussagen zur Masseneinwanderung. Er wendet sich – theologisch, vor dem Hintergrund des Evangeliums – gegen die uns oktroyierte Hypermoral. Er selbst spricht von „einer Art Intensiv-Ethik“, die uns weismachen will, offene Grenzen plus Aufnahme wirklich aller seien ein Gebot der Christenpflicht.

Der Text ist unbedingt lesenswert, Schnelles Aussagen fahren wie ein Samuraischwert durch die ewig wiederholten Phrasen der Meinungshüter. (Der Vergleich mit dem Samuraischwert ist, das will ich einräumen, bei einem Kirchenmann vielleicht etwas zu martialisch …)

Das Kreuz mit der Erbse

Was ist ein Symbol? Ein Zeichen, ein Gegenstand, eine Handlung von tieferer Bedeutung. Oft schlicht, ja unscheinbar, aber von großem Gehalt, häufig für umfassende Wirklichkeiten stehend, umständliche verbale Erläuterungen ersparend. Man denke an konventionelle Symbole wie das Kreuz, das Hakenkreuz oder Hammer und Sichel. In der klassischen Definition des amerikanischen Literaturwissenschaftlers M. H. Abrams ist ein Symbol „anything which signifies something else.“

Der Symbolbegriff ist von grundlegender Bedeutung in allen Geisteswissenschaften, etwa wenn es in Kunst- und Literaturwissenschaft gilt, die von einem Autoren oder Künstler individuell geschaffene und verwendete Symbolik, also die Kombination von Symbolen, zu deuten. Ein verwandtes Wort, das erst in den letzten Jahren in den Sprachgebrauch eingedrungen ist, ist ,Symbolpolitik’. Gemeint ist eine Politik, die im Bereich der Inneren Sicherheit nicht handelt, sondern Handeln lediglich symbolisiert, als Sedativ für den tumben Bürger.

In den letzten Jahren vergeht kaum ein Monat ohne Streit über Symbole im öffentlichen Raum, was ist da eigentlich passiert? Die Antwort liegt auf der Hand: Unsere Gesellschaft ist in verschiedene ideologische Lager gespalten, die auf die jeweils verwendete Symbolik der anderen Seite mit Schärfe reagieren.

Und: mit dem Islam hat eine Religion bei uns Fuß gefasst, die vom Kopftuch bis zur Burka Symbole verwendet, die nach Ansicht vieler mit unseren Grundwerten, vor allem dem Prinzip der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, kollidieren.

Ein anschauliches Beispiel eines Symbolstreits ist der um die Nationalfahne. Schwarz-Rot-Gold steht für denjenigen, der Grundkenntnisse deutscher Geschichte besitzt, für Deutschland als demokratische Nation. 1919, mit der Gründung der Weimarer Republik, wurde es zur Nationalflagge erklärt; auch die DDR bediente sich dieser Farben, um sich als demokratischen Staat darzustellen.

Der Linken und ihrer Antifa ist die Fahne verhasst. So ist die ,Anregung’ der Linken Jugend zu verstehen, während der Fußballweltmeisterschaft 2018 Fahnen abzubrechen, so die Aufforderung von Politikern der Grünen, etwa der Symbolfigur C. Roth, an die Fußballfans, nicht zu viele und nicht zu große von ihnen zu schwenken. Die von links-grünen Feinden der Nationalflagge oft verwendete hämisch trivialisierende Bezeichnung „Schwarz-Rot-Gelb“ entstammt übrigens dem Sprachgebrauch der Nazis, die daneben auch von „Schwarz-Rot-Eidottergelb“ sprachen.

Wie ist dieser Hass zu erklären? Nun, die Linke richtet ihren Kampf gegen den Nationalstaat, zugunsten einer den Bürgern aufgezwungenen Internationalisierung. J. Augstein etwa beschwört den Traum von Deutschland als melting pot, mit offenen Toren für jeden, der A wie ,Asyl’ sagen (nicht unbedingt: schreiben) kann, ob mit oder ohne Messer in der Tasche. Auch die symbolische, auf Video dokumentierte Szene, als die derzeitige Kanzlerin A. Merkel bei der CDU-Siegesfeier 2013 indigniert einem Mitarbeiter die Deutschlandfahne aus der Hand nahm, ist in den sozialen Netzwerken mit Recht als das gedeutet worden, was sie ist: eine Distanzierung vom Nationalen. Der Haken dabei ist, dass Demokratie nichts anderes als die Herrschaft des δῆμος bedeutet, also des politisch verfassten Volkes, der Nation.

In einer Talkshow Anfang Juli rief R. Habeck einer CSU-Frau zu: „Ihre Leute sprechen von einem ,Europa der Vaterländer’. Das ist rechter Jargon. Das ist nicht europäisch.“ In Wahrheit wurde diese Formel von De Gaulle, einem der Gründungsväter der Europäischen Gemeinschaft, bekannt gemacht: ,l’Europe des patries’. Ob Habeck das unterschlug, um die Zuschauer für dumm zu verkaufen, oder, weil er es selber nicht wusste – beides würde gut zu einem ,Bundesvorsitzenden der Grünen’ passen. In jedem Fall ist es ein Beispiel brutalster Sprach- und Geschichtsverdrehung à la ,1984’.

Ein weiteres aufschlussreiches Beispiel ist die Kontroverse um die Verwendung des Kreuzes im öffentlichen Raum, genauer gesagt, um das Abnehmen und das Aufhängen von Kreuzen. Als 2016 der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm und Kardinal R. Marx den Tempelberg in Jerusalem erklommen, nahmen sie zuvor ihre Brustkreuze ab und ließen sich dann, gütig lächelnd, zusammen mit einem Imam in der Mitte ablichten, ein Foto, das um die Welt ging.

Es sollte, wie man auf Gutmenschendeutsch sagt, „ein Zeichen für Toleranz und Respekt“ sein – aber diesmal ging der Schuss nach hinten los, und zwar gewaltig. Den Respekt für den Islam bis zum Verzicht auf das Eigene zu treiben, und zwar an dieser symbolischen Stätte, also in der Stadt, wo ein Anderer das Kreuz nicht ablegte, sondern trug, kam nicht gut an. Es wurde von den meisten Beobachtern als übler Akt öffentlicher Arschkriecherei aufgefasst. So nannte etwa ein Kommentator der Jüdischen Rundschau das Verhalten „zum Fremdschämen unterwürfig und geschichtsvergessen“.

Der CSU-Vorstoß zum Aufhängen des Kreuzes in den bayrischen Amtsstuben sorgte ebenfalls für Furore. Nichtchristen, so die Kritik der Gutmenschen, könnten sich provoziert, ja ,ausgegrenzt’ fühlen. Auch hier wieder in vorderster Linie zwei unermüdlicher Streiter: die Anti-Kreuz-Ritter Bedford-Strohm und Kardinal Marx!

Es gibt auch Kontroversen um die Relevanz eines Symbols. Der Jubel der Erdogan-Anhänger auf deutschen Plätzen nach dessen triumphaler Wiederwahl besaß einen höchst unerwünschten Symbolwert, das ließ sich kaum abstreiten. Cem Özdemir twitterte: „Seien wir ehrlich zu uns: Die feiernden deutsch-türkischen #Erdogan Anhänger feiern nicht nur ihren Alleinherrscher, sondern drücken damit zugleich ihre Ablehnung unserer liberalen Demokratie aus.“

Die da auf dem Dortmunder Borsigplatz nicht „Heja BVB“, sondern „Allahu Akbar“ skandierten, sind mehrheitlich Türken, die hier sozialisiert wurden, hier den Politik-, Geschichts- und Sozialkundeunterricht durchliefen und nun dem Sultan zujubeln. Sie wollen also ihren Jubel als Abgesang auf ihre ,Integration’ verstanden wissen. Drei Klicks bei YouTube zeigen, wie noch vor ein paar Jahren die Politiker eben diese Integration ,unserer Türken’ in den Talkshows als mustergültig verkauften.

Aber: Wie repräsentativ waren diese Bilder der Jubler? Nicht die Mehrheit der Türken in Deutschland – so die üblichen Beschwichtiger –, sondern nur die der Teilnehmer an der Wahl hätten Erdogan ihre Stimme gegeben. Nur die Hälfte habe sich beteiligt, von ihnen habe zwar eine Riesenmehrheit, rund 65 Prozent, Erdogan gewählt, aber es seien eben nur 430.000 von 2,8 Millionen in Deutschland lebenden Türken.

Hier wird in einer üblen demokratiefeindlichen Argumentation so getan, also ob eine Wahl dann nicht wirklich repräsentativ wäre, wenn nur die politisch Bewussten sich beteiligten. Selbstverständlich sind sie es, die das Kollektiv repräsentieren. Für die anderen gilt, was Heraklit schon vor zweinhalbtausend Jahren erkannte: τοὺς καθεύδοντας ἐργάτας  εἶναι καὶ συνεργοὺς τῶν ἐν τῷ κόσμῷ γινομένων – „dass die Schlafenden Tätige, Mitwirkende sind bei dem, was auf der Welt geschieht.“

Und dann gibt es den Versuch, Symbole zu entwerten, indem man sie ihres tieferen Sinnes entleert und sie auf die Bildebene reduziert. Als sich etwa zwei Nationalspieler mit „ihrem Präsidenten“ ablichten ließen, hieß es: „Man sollte die Bedeutung dieses Fototermins mit Erdogan nicht überdramatisieren. Ist doch schließlich nur ein Foto.“ Dann folgte noch ein Fototermin mit dem Bundespräsidentendarsteller F.-W. Steinmeier, und der DFB dekretierte, die Sache sei hiermit offiziell erledigt. (Hätte sich irgendein Spieler mit Donald Trump fotografieren lassen, unter dem Motto ,My President’, – der ,Aufschrei’ wäre jetzt, Wochen später, noch nicht verhallt.)

Oder: „Ob Bikini oder Burkini ist egal, Hauptsache die Schülerinnen lernen schwimmen.“ Eine ZEIT-Journalistin rühmte sogar den praktischen Nutzen des Burkini. Für sie selbst etwa wäre ein Burkini in Jugendjahren hilfreich gewesen, sei sie doch von ihren MitschülerInnen beim Schwimmunterricht wegen ihres zu kleinen, ja nicht vorhandenen Busens gehänselt worden; seinetwegen habe man sie unsensibel ,Erbse’ genannt. Frage: Oder galt die Erbsenmetapher der spezifischen Dimension ihres Gehirns?

Denn Symbole auf das Sichtbare zu reduzieren, ist ein dummdreistes Verfahren. Und zwar deshalb, weil nicht nur der Sinn dieser Zeichen unterschlagen wird, sondern so demjenigen, der ihn erkennt und zur Diskussion stellt, auch noch unterstellt wird, ein Spinner zu sein, Gespenster zu sehen, statt sich an die schlichte Evidenz des Faktischen zu halten.

Nach demselben Prinzip könnte man etwa fragen: „Was soll schon die kraklige Unterschrift? Was bedeutet schon ein Händedruck? Man braucht sich nicht an Verträge zu halten.“

Sollte in ein paar Jahren von moslemischer Seite gefordert werden, in jedes Klassenzimmer die grüne Fahne des Propheten zu hängen, und daneben noch ein Bild von Erdogan, dann werden Claus Kleber, ZEIT, Süddeutsche Zeitung und Spiegel – falls es sie dann noch gibt – dafür plädieren, diesem bescheidenen Wunsch zu entsprechen: „Was soll die Aufregung, man kann doch  unter einem Bild genauso gut lernen (oder faulenzen) wie vor einer leeren Wand.“

Der letzte Schrei: das wandernde Klassenzimmer

Passionierte Wanderer und Radfahrer wussten es immer schon: Bewegung fördert das Denken.

Das französische Magazin Sciences Humaines widmete letzten Herbst eine Spezialausgabe dem Lernen: Comment apprend-on? Das Thema wird unter allen möglichen Gesichtspunkten behandelt, aus pädagogischer, sozialer und psychologischer Sicht.

Ein Artikel, von Martine Fournier (S. 54 – 59), ist alternativen Lernformen gewidmet, er trägt den Titel Apprendre autrement. Es geht um fünf Teilthemen, unter den Titeln Chercher – Coopérer – Faire pour apprendre – Twitter (damit ist die Arbeit mit Computer und Tablet gemeint) sowie  – zu allererst behandelt – Bouger, also Bewegung.

Neuere Studien, so liest man, hätten gezeigt, dass Bewegung das Denken stimuliert: „Im Gehen denkt sich’s besser“ – „Marcher pour mieux penser“ lautet die Devise. „Marcher stimule la créativité dans beaucoup de domaines“ (Gehen regt die Kreativität in vielen Bereichen an): mit diesen Worten wird eine Wissenschaftlerin von Oakland University zitiert.

Eine neuere Untersuchung aus Spanien habe ergeben, dass Schüler, die zu Fuß zur Schule kommen, in standardisierten Tests bessere Ergebnisse erzielen als solche, die mit dem Bus oder dem Auto anreisen. Amerikanische Studien bei Menschen zwischen 18 und 59 Jahren hätten gezeigt, dass Pausen, die mit Bewegungsübungen gefüllt werden, den Arbeitsspeicher des Gedächtnisses erweitern.

Was fehlt, ist eine Erklärung dieses behaupteten Zusammenspiels von Geist und Körper: Die Füße als Quelle der Inspiration – wie genau funktioniert das?

Außerdem: Jeder, der fünf Minuten in Walter Krämers Standardwerk So lügt man mit Statistik geblättert hat, wird skeptisch bleiben, solange er nicht die genauen Bedingungen der Tests kennt. Vielleicht ist es ja umgekehrt: Schlauere Schüler gehen, sofern die Entfernung es zulässt, lieber durch die frische Luft zu Fuß zur Schule und kommen wach dort an, statt schon am frühen Morgen im Bus zu dösen.

Ein ausführlich dargestelltes Beispiel ist besonders fragwürdig. Grundschüler sollten verschiedene Dreiecksformen kennenlernen, indem sie sie mit den eigenen Armen darstellten. Sie waren bei diesen Übungen auf einem Bildschirm sichtbar. Diese Schüler hätten die Unterschiede zwischen den Dreiecken besser begriffen als solche, die auf traditionelle Weise unterrichtet worden waren.

War das ein Erfolg des Bewegungsvorgangs? Sicherlich waren so diejenigen geweckt worden, die in der letzten Reihe vor sich hindämmerten, aber war es vielleicht primär ein Erfolg der Konzentration auf die bestmögliche Darstellung der richtigen Formen, gepaart mit der Motivation durch den unerwarteten Methodenwechsel?

Auch der Hinweis auf große Denker, die im Gehen zu philosophieren pflegten, ist kein Beleg dafür, dass es sich en marchant besser denkt als im Sitzen, Liegen oder Stehen. Allerdings liefert der Artikel eine beeindruckende Liste solcher Geistesgrößen.

Sokrates, Platon, Aristoteles, Montesquieu, Rousseau, Kant, Nietzsche sowie Schriftsteller wie Jane Austen und Charles Dickens werden genannt. Die Aristoteliker heißen ja bis heute Peripatetiker, also ,Umhergehende’. 334 vor Chr. gründete Aristoteles seine Schule in einem dem Apollon Lykeios geweihten Gymnasium,  und dessen Wandelhalle (περίπατος, Peripatos, zum Verb περιπατεῖν, herumwandeln) war es, die seinen Schülern den Namen gab.

Ein Zitat von Montesquieu belegt die Bedeutung des Gehens für sein Denken, ganz im Sinne des Artikels: „Wenn mein Körper schreitet, schreitet mein Geist. Beide gehen aufgrund desselben Impulses.“ („Lorsque mon corps marche, c’est mon esprit qui marche. Ils vont tous deux d’une même branle.“)

Jean-Jacques Rousseau und Nietzsche waren zwei weitere Wanderer des Denkens. Von Rousseau heißt es in dem Artikel sogar, der bloße Anblick eines Schreibtisches habe ihn entsetzt. Nietzsche sei bis zu zehn Stunden an einem Stück gewandert, zwischendurch habe er seine Einfälle niedergekritzelt. „On n’écrit bien qu’avec ses pieds“ – „Man schreibt nur gut mit den Füßen“ sei sein Motto gewesen.

Drei illustre Namen sind allerdings in die Liste hineingemogelt: Sokrates suchte zwar auf dem Markt, der Ἀγορά, und in den Gassen Athens das Gespräch mit seinen Mitbürgern, von einer Begeisterung für Fußmärsche ist bei ihm aber nichts bekannt, bei Platon auch nicht. Kant machte jeden Tag um fünf Uhr seinen in Königsberg legendären Spaziergang, und zwar immer entlang derselben Route. Folgt daraus zwingend, dass er auch seine Gedankengebäude bei diesen Gängen errichtete?

Die Autorin des Artikels, Martine Fournier, plädiert jedenfalls für Denken on the move. Sie malt ein düsteres Bild schulischer Froststarre und hofft auf die heilsame Wirkung des bouger: „Ces découvertes récentes amèneront-elles à rompre avec l’organisation immuable des classes traditionelles et de leurs sacro-saintes rangées de tables et de chaises, où les élèves doivent rester immobiles durant de longues heures de cours?“ „Werden diese jüngst gemachten Entdeckungen dazu führen, dass man mit der starren Anordnung der traditionellen Klassen mit ihren sakrosankten Tisch- und Stuhlreihen bricht, wo die Schüler während langer Unterrichtsstunden regungslos zu verharren haben?“

Nicht dem fliegenden, dem wandernden Klassenzimmer gehört demnach die Zukunft!

 

Zitat der Woche, 19. Juni 2018

„Crisi è quel momento in cui il vecchio muore e il nuovo stenta a nascere.“ (Antonio Gramsci, 1891 –1937)

“Die Krise ist der Augenblick, in dem das Alte stirbt und das Neue Mühe hat zu entstehen.“